Leserbriefe

Gut integriert und doch abgeschoben

20.02.2018, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Vera Kleil, Nürtingen. Eine Mitschülerin mit guten schulischen Leistungen verschwindet, wenige Wochen vor ihrem Realschul-Abschluss. Zwei Klassenkameradinnen schreiben in Leserbriefen, dass Lejlas Familie (keine Straftaten) von der Polizei abgeholt worden sei, mitten in der Nacht und nach Mazedonien abgeschoben wurde. Eine Familie, die vor dem Bürgerkrieg in Jugoslawien floh, die seit 25 Jahren in Deutschland zuhause ist, deren Kinder hier geboren und zur Schule gegangen sind, die älteren arbeiten, zahlen Steuern. Schwaben ist ihre Heimat. So geht Integration. Trotzdem wurde abgeschoben.

Aufenthaltsdauer? Heimatgefühle? Kindeswohl? Es ist noch immer die Abstammung, die zählt, nicht die Sozialisation. Die Behörden haben mal wieder nur ihre Pflicht getan und „geltendes Deutsches Recht“ umgesetzt. Doch stimmt das? Seit 2015 gibt es ein Gesetz, nach dem Langzeit-Geduldete bei Integration, Schulbesuch und Sprachkenntnissen nach acht Jahren bleiben dürfen, Jugendliche bereits nach vier Jahren?

Lejlas Familie lebte seit 1993 in Deutschland. Alle Kinder gingen hier zur Schule, der Bruder arbeitete vor der Abschiebung als Elektriker. Wie geht das zusammen? Überall wird lautstark gefordert, dass sich die Ausländer integrieren sollen. Trotzdem werden hier junge, integrierte Menschen abgeschoben, in ein Land, das sie noch nie zuvor betreten haben. In ein Land, dessen Sprache sie nicht sprechen, mit kyrillischer Schrift und einer Jugendarbeitslosenquote von 50 Prozent. Hier hätte sich ein Elektriker gefreut, wenn man ihm seinen Mitarbeiter gelassen hätte.

Dort wird es heißen: Ihr könnt ja nicht mal die Sprache. Wie wollt ihr hier arbeiten. Ihr kennt unser Land nicht. Ihr kennt unsere Regeln nicht. Ihr seid Deutsche. Was wollt ihr bei uns? Und hier? Hauptsache die Abschiebungszahlen stimmen und die Politik kann am rechten Rand punkten. Doch wer Integration fordert, muss sie auch gewähren. Sonst wirkt diese Forderung auf die Betroffenen nur wie Hohn und Spott. Und das fördert den Integrationswillen im Land bestimmt nicht!

Leserbriefe