Leserbriefe

Grüne waren für Untertunnelung

02.11.2010, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Sebastian Kurz, Nürtingen. „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?“ Dieser Satz wird Konrad Adenauer zugeschrieben. Er spendet allen Trost, die vergesslich sind oder, gleich aus welchen Gründen, ihre Meinung ändern. Trost bedürfen auch die Grünen. In den Jahren 1992 bis 1995 haben sie eine Arbeitsgruppe mit dem Namen „Alternativen sind machbar“ ins Leben gerufen, die grüne Vorschläge zu Stuttgart 21 und dem Entwicklungskonzept Filder vorgelegt hat. In diesem 35-seitigen Arbeitspapier wird auch eine Planskizze zu S 21 vorgelegt, die mit dem heutigen Entwurf nahezu identisch ist.

Vorgeschlagen wurde eine Untertunnelung des Stuttgarter Hauptbahnhofs mit vier Gleisen und ein Tunnel entlang der heutigen Strecke durch den Schlossgarten auf die Filder und von dort nach Ulm. In einer Resolution würdigten die Grünen die Vorteile ihres Tunnelprojektes. Sie hoben die wirtschaftlichen Vorzüge hervor und wiesen auf die ökologischen Folgen eines möglichen Kopfbahnhofs oder eines Ausbaus des Bahnhofs in Bad Cannstatt hin. „Vordergründe Kostenvorteile“ dürften nicht gegengerechnet werden.

Die Resolution, die in den Gemeinderat der Stadt Stuttgart eingebracht wurde, endet mit der Forderung an die Deutsche Bundesbahn, sich unverzüglich und unmissverständlich auf eine Unterfahrung des Stuttgarter Hauptbahnhofs für den Personenschnellverkehr festzulegen und damit dem wichtigen Unternehmensziel der Deutschen Bundesbahn, der Attraktivität des schienengebundenen Personenverkehrs, gerecht zu werden. Die Grünen haben diesem Beschluss einstimmig zugestimmt.

Die Grünen haben sich damals schon Argumente herangezogen, die heute von den S 21-Befürwortern auch vorgetragen werden. Sie waren damals die Vorreiter und die Initiatoren für das Projekt S 21. Sie haben das Projekt vorangetrieben. Ihr Meinungsumschwung kann kaum damit erklärt werden, dass sich ihre Gesichtspunkte geändert haben, sondern nur damit, dass sie sich einer Protestbewegung angeschlossen haben, die ihnen bei Wahlen mehr Stimmen einbringen kann. Mit sachlicher Politik hat das nur wenig gemeinsam. Gemeinhin nennt man das Populismus.

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