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Großfrausucht und Kretschmann-Nimbus

08.10.2021 05:30, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Rolf Weber, NT-Neckarhausen. Zum Artikel „Debakel für Union, Aufstieg der SPD – aber wer wird Kanzler?“ vom 27. September.

Die ehemalige Volkspartei CDU hat nach 16 Jahren opportunistischem Festhalten an Merkel mit einem desaströsen Wahlergebnis einen hohen Preis bezahlt. Dass ausgerechnet der Kandidat Laschet die CDU aus dem Stimmungstief holen könnte, war selbst innerparteilich heftig umstritten. Ein starkes Team, um ihn zu gruppieren und Themen zu setzen, hätte den Abwärtstrend stoppen können. Kurz nach der Wahl feiert das Maulheldentum von Funktionsträgern hinsichtlich der aus dem Wahlergebnis zu ziehenden Lehren wieder Hochkonjunktur. Wer ernsthaft Veränderungen will, muss sich beispielsweise sofort von den Schäubles und Strobls dieser Republik trennen.

Der Wähler goutiert während der Wahlkampfphase ein geschlossenes Auftreten der Parteien. Daran hat es bei den Grünen nicht gefehlt. Trotzdem wurde die historisch einmalige Chance, die zweitstärkste politische Kraft zu werden, leichtfüßig vergeben. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die Grünen aufgrund des Dogmas, dass es diesmal unbedingt Frau und nicht der qualifiziertere Mann richten soll, gescheitert sind. Auch das Auftreten in der Öffentlichkeit spielte eine Rolle. Anstatt geduldig das in Aussicht stehende Wahlergebnis abzuwarten, ist schon früh die Großfrausucht – wie, wir sind KanzlerIn – ausgebrochen. Wie bei Laschet wäre auch hier eine Teambildung vorteilhaft gewesen.

Die Grünen haben es gründlich verbockt und ihre Wahlziele, sei es nun auf Bundes- oder Länderebene, nicht erreicht. Selbst im Nürtinger Wahlkreis von Winfried Kretschmann ein mageres Ergebnis. Krachend gescheitert ist auch das Ziel, mit der Kandidatur von Filius Johannes im Heimatbezirk des Vaters eine Politikdynastie zu etablieren. Der Kretschmann-Nimbus scheint sich zum Malus zu entwickeln. Das maximale Wählerpotenzial der Grünen sehe ich bei 15 Prozent. Auch die frühere Volkspartei SPD kann mit ihrem Kandidaten Olaf Scholz trotz der Zugewinne nur eingeschränkt überzeugen. Viele haben ihn wohl nur zähneknirschend nach dem Motto „Unter Blinden ist der Einäugige König“ gewählt. Zur alten Stärke – auch für die CDU – führt nur eine Tolerierung von linken und rechten Rändern in der Partei. Die AfD ist seit Jahren mit sich selbst beschäftigt und konnte ihr Wählerpotenzial nicht ausschöpfen. Das ist die gute Nachricht. Ohne stärkeres Gewicht der Realos (wie Sahra Wagenknecht) ist „Die Linke“ eine sterbende Partei.

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