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Fluglärm für alle oder was steckt dahinter?

27.10.2021 05:30, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Hermann Wurster, NT-Hardt. Zu dem Artikel „Fluglärm-Chef verteidigt neue Startroute Richtung Mallorca“ vom 18. Oktober.

Die geplante neue Abflugroute beschäftigt inzwischen viele Bürger, die bisher an ihrem Wohnsitz nicht mit intensivem Fluglärm rechnen mussten. Doch statt Maßnahmen zur Reduzierung von Fluglärm zu ergreifen, geht es der Fluglärmkommission und der deutschen Flugsicherung darum, den Fluglärm auf möglichst viele Betroffene zu verteilen. Eine Strategie, die so nicht akzeptiert werden kann.

Die Auswirkungen auf die Gemeinden und deren Bürger entlang der neuen Abflugroute sind gravierend. In der Zeit zwischen 6 und 22 Uhr sind täglich bis zu 50 Abflüge auf der neuen Route möglich. Die Gemeinden Aichtal, Denkendorf, Köngen, Neuhausen, NT-Hardt, NT-Oberensingen und Wolfschlugen werden den zusätzlichen Lärm abbekommen. Diese gravierenden Auswirkungen sollen durch ein völlig intransparentes und undemokratisches Verfahren durchgesetzt werden! An der neuen Flugroute für Starts nach Osten wird bereits seit 2018 im Geheimen geplant. Die zusätzlich betroffenen Gemeinden wurden erst im Mai 2021 vertraulich informiert und durften erst im August an die Öffentlichkeit gehen.

Als Basis einer Entscheidung für die neue Flugroute soll ein Gutachten der Lufthansa (Mitinitiator der Flugroutenänderung) herhalten. Da wundert es nicht, dass die Ergebnisse des Gutachtens bei genauerer Betrachtung offensichtliche Widersprüche enthalten, zum Beispiel wurden die Auswirkungen auf den Lärmpegel nur auf Basis eines einzelnen Flugzeugs berechnet und der vom Bundesumweltamt maßgebliche Dauerlärmpegel ausgeblendet, die Auswirkungen der Topologie und von Windverhältnissen ignoriert und bei den unterstellten Starts Richtung Osten der Anteil mit circa 30 Prozent statt dem tatsächlichen Wert von 44 Prozent schöngerechnet.

In der Bewertung des Gutachtens braucht man kein Experte zu sein, um misstrauisch zu werden. Und der Satz von Herrn Bolay „alle Argumente liegen auf dem Tisch“ zeigt nur, wie einseitig und blauäugig die Fluglärmkommission vorgeht. Vor einer Entscheidung mit derart störenden Auswirkungen auf über 20 000 Bürger muss ein neutrales Gutachten die tatsächlichen Konsequenzen der neuen Flugroute sowie mögliche Alternativen bewerten. Vielleicht sind die wahren Gründe für die geplante Einrichtung einer weiteren Flugroute auch ganz andere! Aus Unterlagen zur Gemeinderatssitzung der Stadt Stuttgart vom 6. Februar 2020 geht hervor, dass der Flughafen Stuttgart seine Kapazitäten von 12,7 Millionen Passagieren in 2019 auf 17 Millionen in 2033 erhöhen möchte. Soll mit der geplanten zusätzlichen Flugroute der Weg für mehr Starts und Landungen auf dem Flughafen Stuttgart bereitet und dafür eine große Zahl von Bürgern neu mit Fluglärm belastet werden? Für die bisher vom Fluglärm betroffenen Gemeinden würde dann die erhoffte Lärmreduzierung ausbleiben.

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