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Fairtradelabel darf kein Marketing-Gag sein

25.06.2022 05:30, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Uli Kirchner, Nürtingen. Zum Artikel „Fairtrade und Nachhaltigkeit im Fokus“ vom 18. Juni.

Wieder ein Label mit dem sich unsere Stadt schmückt. Es geht um fairen Handel und nachhaltige globale Wertschöpfungsketten. Unsere Stadt verpflichtet sich zu menschengerechten Arbeitsbedingungen, fairer Bezahlung, Verzicht auf Kinderarbeit, nachhaltiges Handeln und Stärkung der regionalen Kaufkraft. Prüfen wir mal. Seit Jahrzehnten arbeiten Lehrerinnen und Lehrer an der Volkshochschule als Honorarkräfte. Sie bekommen keine Festanstellung und somit keine tariflich gebundenen Arbeitsverträge. Hier sollte sich Nürtingen schnellstens ehrlich machen, um aus ihrem Fairtradelabel keinen Marketing-Gag zu machen. Was könnte noch helfen? In und um Nürtingen fällt eine große Menge an Biomasse in Form von Gras, Frucht, Obst, Gemüse und Holz an. Wie kann hier die lokale Wertschöpfungskette, die ein Wertschöpfungskreislauf sein sollte, gestärkt werden? Warum wurde uns die Möglichkeit genommen, in unseren heimischen Wäldern Flächenlose zu erwerben?

Warum betreibt die Fachhochschule Nürtingen nicht einen Bauernhof mit Milchvieh und bringt ihren Studenten praktisches lokales Handeln bei? Darin könnte deutlich werden, wie Biomasse in einem lokalen Wertschöpfungskreislauf verarbeitet wird. Wir haben noch immer keine Lösung für die riesigen Mengen jährlich wachsenden Grases. Warum müssen Tonnen an Obst und Gemüse auf unseren Wiesen verfaulen, anstatt sie zu ernten? Nürtingerinnen und Nürtinger sollten eine Streuobstwiese bewirtschaften. Die muss nicht groß sein. So groß, dass sie jährlich zweimal mit der Sense gemäht werden kann. Das Gras beziehungsweise das Heu wird beim Nürtinger Bauernhof abgegeben. Im Hofladen werden unsere Nürtinger Produkte verkauft und auf dem Weihnachtsmarkt verkaufen wir endlich unsere eigenen Nürtinger Misteln. Jetzt können wir uns guten Gewissens mit einem Fairtrade- und Nachhaltigkeitslabel schmücken. Wir stärken unsere lokale Wirtschaft, verknüpfen Theorie und Praxis, pflegen Wald und Wiesen und sind endlich reif für die Landesgartenschau.

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