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Erstes Lebenszeichen erst im Jahr 1947

30.07.2022 05:30, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Ernst Grünzner, Nürtingen. Zum Zitat des Tages von Claudia Roth vom 8. Juni.

Es geht um die Nominierung der Altstadt von Odessa als Welterbestadt. Diese Stadt hatte für Tausende Familien auch eine dunkle Seite ihrer Geschichte. Hier befand sich eines der gefürchtetsten Gefangenenlager, außerhalb Sibiriens, für circa 20 000 deutsche Soldaten. Mein Vater war von Mai 1945 bis Mai 1949 in diesem Lager. Meine Mutter und wir Kinder wohnten seit 1945 in der damaligen sogenannten Ostzone und hatten keine Möglichkeit, nach dem Verbleib meines Vaters zu suchen.

Eine Tante von mir lebte in einer Kreisstadt in Württemberg. Sie erhielt über den Suchdienst des DRK in München am 6. Juni 1947 die Information, dass mein Vater noch lebt und sich im obengenannten Lager befindet. Um zu verhindern, dass er nach seiner Entlassung in die Ostzone entlassen wird, ging die gesamte Korrespondenz zu meiner Tante, die sie an uns weiterleitete und welche sich noch in meinem Besitz befindet.

Unter anderem schrieb mein Vater am 13. März 1948, „hoffentlich bin ich beim nächsten Transport auch dabei“. Am 3. September 1948 schrieb er, dass er auf keinen Fall dorthin, wo Anna (meine Mutter) lebte, entlassen werden wolle.

Es dauerte noch bis zum 28. Mai 1949, als er in der Sammelstelle „Ulm Kienlesberg“ eintraf. Dort erhielt er etwas Taschengeld, neue Kleidung und eine Fahrkarte zum Wohnort meiner Tante, um sich dort umgehend auf dem Bürgermeisteramt zu melden Ein junger Bürgermeister empfing ihn mit den Worten „Was wollen Sie hier?“. Willkommensgruß für einen deutschen Soldaten, der am 12. Februar1940 eingezogen wurde, an Weihnachten 1943 zum letzten Mal auf Fronturlaub war, 1944 einige Feldpostbriefe schrieb und dessen Familie am 6. Juni 1947 ein erstes Lebenszeichen erhielt und der bis Mai 1949 in einem gefürchteten Lager in Odessa/Ukraine leben musste.

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