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Die Scharia und das deutsche Recht

31.10.2013 00:00, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Karin Virnich, Wolfschlugen. Zum Artikel „Die Rolle der Frau im Islam“ vom 26. Oktober. Die Überschrift des Berichtes ist etwas irreführend. Das zugrunde liegende Buch „Frauen sind eure Äcker“ wurde von einem Rechtsgelehrten verfasst und der Tenor des Vortrags war die Rechtslage der Frau im Islam. Das islamische Recht, die Scharia, setzt sich aus dem Koran und den Hadithen zusammen. Hadithen sind Überlieferungen dessen, was Mohammed gesagt, getan und gebilligt hat. Diese Hadithen werden in den islamischen Rechtsschulen gelehrt und interpretiert. Deshalb ist für das Verständnis islamischen Rechts die Kenntnis des Korans, aber auch der konkret überlieferten Lebensführung Mohammeds unbedingt nötig.

Beides hat die Referentin in Bezug zu den Frauen aufgezeigt. Dem Vorwurf, sie habe nur Negatives berichtet, muss ich entgegnen: sie hat viel Negatives nicht gesagt. Zum Beispiel: dass eine Frau als Zeugin nur halb so glaubwürdig wie ein Mann ist. Dass eine Frau nur die Hälfte eines Mannesanteils erben darf. Dass eine Frau grundsätzlich dem Mann untergeordnet ist. Dass Kinder selbstverständlich dem Mann gehören (stillt eine Frau bei Scheidung noch, muss der Mann ihr Ammenlohn zahlen).

Leider sind diese Rechtsauffassungen inzwischen für uns nicht mehr egal. Unsere türkischen islamischen Migrantinnen haben ja noch Glück gehabt, weil Atatürk in der Türkei das schweizerische Recht eingeführt hat. Trotzdem gibt es auch dort heute noch – rechtlich illegal, aber religiös genehmigt – Vielweiberei und Kinderehen. Gleiches wird auch zum Beispiel aus dem heutigen Kasachstan berichtet. Ehrenmorde sind auch bei uns ein Thema. Der aktuelle Protest der saudischen Frauen zum Autofahren mit der Begründung, „dass Mohammeds Frauen selbstständig Kamel geritten sind“, zeigt, wie wichtig in der heutigen Rechtsauffassung noch die Zeit vor beinahe eineinhalbtausend Jahren ist.

Heutige Lebensgestaltung muss mit der Lebensführung Mohammeds in Einklang zu bringen sein und so sind heute die so eindeutig frauenverachtenden Sätze auch für Islamgelehrte schwierig in frauenbejahende Interpretationen zu bringen – denn dem Mann muss immer die erste Position erhalten bleiben –, das will Gott so. Gefährlich für uns wird es, wenn unsere Juristen (auf Druck oder aus Bequemlichkeit) in Erwägung ziehen, die Scharia in Familienangelegenheiten anzuwenden. Ich denke zum Beispiel an das wieder aufgehobene Urteil zu einer verprügelten algerischen Frau. Scheiden lassen kann sich nämlich nur der Mann, und das mit einer einfachen Floskel. Zum Schutz der bei uns lebenden Frauen darf die Scharia nicht klammheimlich in unser Rechtssystem eingeschleust werden, sonst ist der Frieden mehr als gefährdet.

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