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Der Fall Wulff und die Psychologie

10.03.2012 00:00, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Daniela Fraenkel, Nürtingen. Das Verhalten Wulffs empört die Menschen. Politiker jeden Lagers halten erzürnte Reden über das unmoralische Verhalten, Medien berichten über Fassungslosigkeit von Bevölkerung und Regierungsmitgliedern, die Nation ist gekränkt. In der Psychologie gibt es ein bekanntes Bewältigungsprinzip in Bezug auf eigene Schwächen und Verfehlungen: Der Mensch spaltet das Bewusstsein über die eigenen Abgründe von sich ab und distanziert sich, um die eigene Existenz und Handlungsweise zu rechtfertigen. Begegnet er dann im Außen den gleichen Schwächen und Verfehlungen, bekämpft er sie massiv, da die Konfrontation das eigene Selbstbild gefährdet.

Es ist seit Jahren (auch durch Aussagen des Bundesfinanzministeriums) bekannt, dass sogenannte Leistungsträger zig Milliarden an Steuern hinterziehen und sich durch ihre Positionen Vorteile in allen erdenklichen Bereichen erschleichen. Namhafte Politiker jeder Richtung sind am laufenden Band in Steuer-, Spenden- und Finanzskandale verwickelt. Das Prinzip „Wer hat, dem wird gegeben“ bestimmt in unserer Gesellschaft maßgeblich die Bildungs- und Wohlstandsbiographie eines Menschen und das nicht erst seit gestern. Der Verdacht liegt nahe, das sich Wulff Vorteile verschafft hat und dieses Verhalten bezüglich Ehrensold weiterführt. Das ist unbestritten nicht duldbar.

Die maßlose Empörung und Kränkung darüber fußt aber entweder auf einem Bewältigungsversuch derer, die durch das Verhalten Wulffs unangenehm auf sich selbst zurückgeworfen werden, oder auf der Ohnmacht der anderen, die ein Leben lang handlungsunfähig mit ansehen müssen, wie ungerecht die Verteilung von Geld, Gütern und Bildung praktiziert wird. Das betrifft den Großteil der Bevölkerung und eine Handvoll Politiker und Leistungsträger. Vielleicht sollten wir Wulff danken, dass er sich, wie ein Therapeut, als Übertragungsfläche zur Verfügung stellt. An dieser Stelle wäre es allerdings ratsam, die analytische Psychotherapie zu verlassen und eine systemisch-lösungsorientierte Haltung einzunehmen: „Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.“

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