Leserbriefe

Bundespräsident steht am Pranger

03.01.2012, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Emil Neuscheler, Neckartailfingen. Zum Artikel „Präsident in Erklärungsnot“ vom 21. Dezember. Es ist ein gefährlicher Trend. Jeder Dieb bekommt in unserem Rechtsstaat seine Verhandlung und dann je nach Schwere des Delikts ein entsprechendes Urteil. Diese Regel scheint man bei Persönlichkeiten der Öffentlichkeit außer Kraft zu setzen. Die Sensationspresse greift einen nach ihrer Meinung etwas verdächtigen Fall auf und schon wirbelt ein Tornado von Vorurteilen allen seriösen Ermittlungen voraus. Sei es unter anderem die angebliche Leuteschinderei auf der „Gorch Fock“, die Affäre des Herrn Kachelmann und nun der Bundespräsident, ihr Ruf wird beschädigt, bevor sachliche Klarheit vorhanden ist.

Herr Wulff hat nichts Anrüchiges getan, nur zögerliche und scheibchenweise Klarstellung kann man ihm zum Vorwurf machen. Es ist nichts bekannt, dass er sein Amt missbraucht und jemand aus seinem Freundeskreis exzellente Aufträge zugeschanzt hätte. Ein Bakschischverhalten traut ihm niemand zu. Wenn er seinen Kredit verschwiegen hat, ist das doch eine menschliche Reaktion. Wer prachtiert schon mit seinen Schulden? Wir müssen wählen: Wollen wir eine sterile, unnahbare Galionsfigur oder einen Menschen zum Anfassen an der Spitze der Bundesrepublik? Dann sollten wir ihm auch einige Macken zugestehen.

Noch ein Faktor ist nicht auszuschließen, denn Herr Wulff war der Favorit der Kanzlerin. Sie bekam viel Lob für ihre Standhaftigkeit beim letzten EU-Gipfel in Brüssel, zu viel für die Opposition. Deshalb war der Fauxpas des Herrn Wulff eine willkommene Gelegenheit, die Kanzlerin in ihrem weltweiten Höhenflug zu stören. Wenn sich Redner und Rednerinnen unsachlich äußern, sollten sie bedenken: der Schaden, den sie anrichten, ist für unser Land und die Demokratie auf der ganzen Erdkugel gewaltig. Außerdem gehen uns die fähigen Leute aus, die sich für diese verantwortungsvolle Tätigkeit hergeben.

Leserbriefe