Nach der mutmaßlichen Aussetzung von zwei französischen Kleinkindern in Portugal sind die Mutter und der Stiefvater Medienberichten zufolge festgenommen worden. Einem Passanten seien die beiden auf der Terrasse eines Cafés in dem bekannten Wallfahrtsort Fátima in Zentralportugal aufgefallen, berichtete der staatliche portugiesische TV-Sender RTP unter Berufung auf eine Mitteilung der Nationalgarde der Republik (GNR).
Der Mann habe die Polizei alarmiert. Beamte der in ländlichen Gebieten zuständigen GNR hätten die beiden Franzosen, eine 41-Jährige und einen 55-Jährigen, mit zur Wache genommen. Dort würden sie verhört, berichtete RTP unter Berufung auf eine Mitteilung der GNR. Auch die portugiesische Zeitung «Correio da Manha» berichtete entsprechend. Wann sie eventuell einem Haftrichter vorgeführt werden sollten, war zunächst unbekannt.
Die beiden stünden «im Verdacht, Straftaten im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt sowie Aussetzung und Vernachlässigung begangen zu haben», zitierte RTP aus der Mitteilung der Nationalgarde. Die Festnahmen stünden im Zusammenhang mit den zwei kleinen Kindern, die allein an einer Straße in der Gemeinde Alcácer do Sal gefunden wurden, habe die GNR bestätigt.
Die beiden Brüder im Alter von drei und fünf Jahren waren weinend und allein an einer abgelegenen Landstraße nahe Alcácer do Sal rund 60 Kilometer südöstlich von Lissabon gefunden worden. Nach Angaben portugiesischer Medien sollen sie erst wenige Tage zuvor gemeinsam mit Mutter und Stiefvater eingereist sein.
Die portugiesische Kriminalpolizei teilte mit, man sei «wegen des Verdachts der Aussetzung» von der Staatsanwaltschaft mit den Ermittlungen beauftragt worden. Die französischen Behörden hätten bereits eine Fahndung nach den Minderjährigen und ihrer Mutter eingeleitet, nachdem der leibliche Vater ihr Verschwinden aus der Wohnung im elsässischen Colmar gemeldet habe, hieß es.
Die GNR verfüge über Aufnahmen des Wagens beim Grenzübertritt am 11. Mai, berichtete «Correio da Manhã» unter Berufung auf die Behörden. Ein Sprecher der Polizei sagte der Deutschen Presse-Agentur auf Anfrage, die Informationen des Blattes seien «nicht falsch». Zum Schutz der Kinder könne man aber keine weiteren Angaben machen.
Ein Autofahrer hatte die beiden Jungen am Dienstagabend am Seitenstreifen der abgelegenen, wenig befahrenen Nationalstraße 253 nahe der Ortschaft Monte Novo do Sul entdeckt. Portugiesische Medien veröffentlichten Bilder der beiden blonden Kinder. Ausweise hatten sie nicht bei sich. Laut Medien erzählten sie Beamten der Nationalgarde, ihre Mutter und ihr Stiefvater hätten sie mit verbundenen Augen im Wald allein gelassen. Als sie die Augenbinden abgenommen hätten, seien die Eltern bereits weg gewesen.
Der Mann, der die Kinder aufgriff, war mit dem Auto unterwegs, als er die beiden plötzlich im Rückspiegel sah. Dem Fernseh-Nachrichtensender «SIC Notícias» schilderte er, das ältere Kind habe ihm erzählt, dass die Eltern sie unter dem Vorwand eines Spiels verlassen hätten. «Die Eltern haben ihnen gesagt, dass sie im Wald nach einem Spielzeug suchen sollten», sagte er sichtlich mitgenommen, während er sich die Tränen von den Augen wischte.
«Als ich in ihre Rücksäcke sah, war mir sofort klar, dass sie ausgesetzt worden waren», erzählte er. «Dort waren nämlich komplette Wechselkleidung, Kekse, Obst und eine Flasche Wasser.» Um sich mit den Kindern verständigen zu können, habe er telefonisch eine französische Bekannte um Hilfe beim Übersetzen gebeten.
«Correio da Manhã» veröffentlichte neue Details der Ermittlungen. Demnach soll die bereits komplett identifizierte Familie zuletzt in einem Hotel im Raum Alcácer do Sal unweit der Atlantikküste übernachtet haben. Nach Angaben des älteren Kindes hätten alle am Dienstag - wenige Stunden vor der mutmaßlichen Aussetzung - noch gemeinsam in der Region zu Mittag gegessen.
Nach einem Bericht von CNN Portugal sollen die Kinder, die bei ihrem Vater in Frankreich lebten, von der Mutter entführt worden sein. Der biologische Vater habe die Jungen in Frankreich inzwischen als vermisst gemeldet, hieß es.
Das deckt sich mit Informationen der französischen Zeitung «Le Parisien», wonach die 41 Jahre alte Mutter mit den beiden Kindern verschwunden sein soll und von den französischen Behörden ebenfalls intensiv gesucht wurde. Die Frau soll in Frankreich außerdem einen 16 Jahre alten Sohn zurückgelassen haben.
Bei der Staatsanwaltschaft in Colmar im Elsass sei ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Aussetzung Minderjähriger eingeleitet worden, berichtete «Le Parisien». Nach Angaben von Staatsanwalt Jean Richert sei die Mutter, die «ohne jede Erklärung» mit den Kindern verschwunden sei, auch in Frankreich intensiv gesucht worden. Der von ihr getrennt lebende Vater habe sich inzwischen selbst bei der Polizei gemeldet. «Er versteht es genauso wenig wie alle anderen», sagte der Staatsanwalt laut dem Bericht.
© dpa-infocom, dpa:260520-930-108385/4