Panorama

Wal schwimmt in Transportschiff – Reise steht bevor

Helfer versuchen den gestrandeten Wal aus dem flachen Wasser zu einem Transportschiff zu ziehen, das in der Fahrrinne wartet. Philip Dulian/dpa
Die Helfer ziehen an Gurten. Jens Büttner/dpa
Umweltminister Till Backhaus (SPD, r) zeigte sich erleichtert. Helena Dolderer/dpa
Helfer besteigen ein Boot, um zum Wal hinauszufahren. Helena Dolderer/dpa
Die Behörden haben grünes Licht für die Benutzung von Gurten gegeben, um den Wal zum Transportschiff zu führen. Helena Dolderer/dpa

Die Bergungsaktion des in der Ostsee gestrandeten Buckelwals ist ihrem Ziel einen Schritt näher gekommen. Die Beteiligten zogen den Wal in einer stundenlangen Aktion mit Gurten zu einem Lastkahn, der das Tier Richtung Nordsee befördern soll. Für den Weg zum Schiff wurde in den vergangenen Tagen eine gut 100 Meter lange Rinne gebaggert. Um 14.45 Uhr war das Tier schließlich in der sogenannten Barge, also einer Art schwimmendem Becken. 

«Mir fällt wirklich ein Stein vom Herzen», sagte Umweltminister Till Backhaus (SPD) im Hafen von Kirchdorf. «Ich war auch kurz davor, ins Wasser zu springen, um ihm noch auf den letzten Meter mitzuhelfen». Er habe sich dann aber zusammengerissen. Der Minister gestand, er habe auf dem Schiff, von wo er die Aktion beobachtete, geweint. 

Nach der Aktion fielen sich die Helfer der privaten Rettungsinitiative im Hafen in die Arme, bei manchem rollt eine Träne der Erleichterung nach Wochen der Anspannung. Bei ihrer Ankunft im Hafen von Kirchdorf werden sie von den Anwesenden teils mit Jubel und Klatschen empfangen. «Die Hoffnung haben wir nie aufgegeben», sagte eine Schaulustige vor Ort.

Doch die Reise im schwimmenden Becken in Richtung Nordsee steht noch bevor. Sie soll gegen Abend starten, wenn die See ruhiger wird, so Backhaus.

Doch gerettet ist der Wal längst noch nicht: Experten des Meeresmuseums hatten explizit vor dem Transport des Tieres gewarnt. «Der Allgemeinzustand des Wales hat sich weiter verschlechtert» und die Erfolgsaussichten einer Lebendbergung seien sehr gering. Sie «ist zudem mit enormen Verletzungsrisiken für den Wal verbunden», erklärten die Forscher und verwiesen auf ähnliche Einschätzungen etwa der International Whaling Commission und British Divers Marine Life Rescue.

Die Wal- und Delfin-Schutzorganisation WDC erklärte: «In freier Natur sind Wale keine Situationen gewohnt, in denen sie eingesperrt sind. Am wahrscheinlichsten ist, ganz allgemein gesprochen, dass die ungewohnte Situation einen Wal zusätzlich in Stress, möglicherweise auch Angst und Panik versetzen würde.» Dies gelte insbesondere, da der Wal nicht seinem natürlichen Fluchtinstinkt nachkommen könne.

Es könne auch sein, dass das Tier in eine Fangmyopathie verfällt, «also in eine Art Schockstarre, bei der sich die Muskeln verkrampfen». Es könne auch schon zu geschwächt sein, um starke Reaktionen zu zeigen. «So könnte es dann wirken, als würde er den Einsatz freiwillig mitmachen oder über sich ergehen lassen», hieß es von der Organisation.

Auch Backhaus gab zu bedenken, das es sich bei dem Wal um ein Wildtier handele, dessen Reaktionen nicht absehbar seien. Die Tierärzte der privaten Initiative sehen den Buckelwal als transportfähig an, wie der Minister erklärte. Der Gesundheitszustand sei der Einschätzung zufolge gut, die Atmung tief und ohne pathologische Geräusche. Die Fachleute des Meeresmuseums hatten noch am Montag mitgeteilt: «Der Allgemeinzustand des Wales hat sich weiter verschlechtert.» 

Backhaus sagte zu den unterschiedlichen Einschätzungen am Morgen: «Ich glaube, dass die beiden Tierärztinnen und auch der Sachverstand, der hier ist, das sehr gut beurteilen kann.» Diese Leute seien fachlich versiert und permanent direkt am Tier gewesen. Der Minister bat die Wissenschaft um Verständnis - «diejenigen, die das vielleicht nicht zu 100 Prozent aktuell beurteilen können».

Bereits Anfang März war der Buckelwal nach Angaben der Behörden in Küstennähe aufgetaucht, zunächst im Hafen von Wismar. In der Nacht zum 23. März strandete er auf einer Sandbank vor Timmendorfer Strand in Schleswig-Holstein. Dem Tier gelang es, das flache Wasser über eine ausgehobene Rinne zu verlassen. Danach nahm es aber nicht Kurs aufs offene Meer und Richtung Norden, sondern schwamm wieder Richtung Wismar.

Schließlich schwamm es in die Kirchsee genannte flache Bucht der Insel Poel. Dort strandete es erneut, schwamm sich zwischenzeitlich frei, lag aber weniger Stunden später am Ausgang der Bucht wieder fest.

Backhaus hatte Mitte April trotz aller Warnungen aus der Wissenschaft entschieden, die Versuche der privaten Initiative zu dulden. Sie wird neben der Unternehmerin Karin Walter-Mommert vom Mediamarkt-Gründer Walter Gunz finanziert. Ein vorheriges Konzept der Gruppe gelang nicht und wurde verworfen.

Offen ist, ob der Wal den Transport überlebt und ob er in der Nordsee oder dem Atlantik überleben kann. Wissenschaftler hatten vermutet, dass er immer wieder flaches Wasser aufsuchte, weil er geschwächt war und sich ausruhen wollte. Veterinärmediziner sollen den Wal auf seiner mehrtägigen Fahrt in Richtung Nordsee begleiten, wie es hieß.

© dpa-infocom, dpa:260428-930-1580/8

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