Im Kampf gegen Kinderpornografie im Darknet haben Ermittler mehr als 373.000 Seiten stillgelegt und Hunderte Nutzer identifiziert. Auch dem mutmaßlichen Verantwortlichen kamen sie auf die Schliche: Weltweit wird nun nach einem 35 Jahre alten Chinesen gefahndet, wie das bayerische Landeskriminalamt, die Generalstaatsanwaltschaft Bamberg und das bayerische Justizministerium in München gemeinsam bekanntgaben.
Der Mann soll Interessierte mit echten Abbildungen schwerer sexualisierter Gewalt gegen Kinder in Fake-Shops gelockt haben, um sie dort abzuzocken. Er bot demnach auch andere kriminelle Leistungen gegen Bezahlung an, ohne diese zu erbringen.
Für sein betrügerisches Geschäft schreckte der mutmaßliche Täter nicht davor zurück, das unfassbare Leid selbst kleinster Kinder auszunutzen. «Die Fake-Shops warben mit echtem kinderpornografischem Material», sagte Bayerns Justizminister Georg Eisenreich (CSU). «Man darf nicht vergessen: Hinter jedem Bild, hinter jedem Video steht das unfassbare Leid eines Kindes.» Das Verfahren zeige auch, wie erschreckend groß die Nachfrage sei.
Seit mehr als vier Jahren hatten die bayerischen Ermittler die Darknet-Plattform «Alice with Violence CP» im Visier. Im Laufe der Zeit stellten die auf Cybercrime und die Bekämpfung von Kinderpornografie spezialisierten Experten beim Landeskriminalamt und der Generalstaatsanwaltschaft Bamberg fest, dass der Täter über 373.000 Seiten im Darknet betrieb.
«Das Fundament dieses Netzwerks bildeten insgesamt 122 Plattformvarianten, die tausendfach vervielfältigt wurden», hieß es zur Erklärung. Zwischen Februar 2020 und Juli 2025 habe der mutmaßliche Täter auf 32 unterschiedlichen Plattformen kinderpornografische Inhalte zum Kauf angeboten, die über mehr als 90.000 Seiten erreichbar waren.
Neben dem 35-Jährigen mit Wohnsitz in China wird auch gegen rund 600 Nutzer ermittelt, die in dem Zeitraum auf den Plattformen Zahlungen getätigt haben. Den Fachleuten gelang es durch die akribische Auswertung der Kryptowährungsströme, diese trotz der versuchten Verschleierung ihrer Identitäten ausfindig zu machen - auch dank neuer Tools.
An der «Operation Alice» beteiligten sich weltweit 23 Staaten, koordiniert von Europol. In Deutschland fanden Durchsuchungen gegen 14 Verdächtige in neun Bundesländern statt (Bayern, Berlin, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Schleswig-Holstein und Thüringen). Insgesamt wurden im gesamten Ermittlungskomplex Verfahren gegen 89 Beschuldigte aus Deutschland geführt.
Die Beamten in München betonten, dass sofort gehandelt worden sei, wenn Gefahren für Kinder erkannt wurden - etwa wenn Minderjährige bei Tatverdächtigen wohnten. So sei schon Anfang August 2023 die Wohnung eines Vaters aus dem oberbayerischen Starnberg durchsucht worden, der für 20 US-Dollar 70 Gigabyte Abbildungen schweren sexuellen Kindesmissbrauchs kaufen wollte. Die Fahnder konnten Daten sichern, obwohl in der Wohnung des 31-Jährigen ein sogenannter Totmannschalter zur sofortigen Stromabschaltung verbaut war. Der Mann ist laut den Behörden mittlerweile rechtskräftig verurteilt.
Dem gesuchten Chinesen wiederum werfen die Ermittler vor, von November 2019 bis zuletzt ein in der Spitze aus bis zu 287 Servern bestehendes Netzwerk betrieben zu haben - samt einschlägiger Linksammlungen und Darknet-Suchmaschinen, um auf die Seiten aufmerksam zu machen.
Die Server mietete er demnach überwiegend bei deutschen Serverprovidern an, zuletzt waren es 105 aktive Server mit Standort in der Bundesrepublik. Sie wurden am Dienstag beschlagnahmt und die Webseiten mit einem entsprechenden Banner versehen. Die Behörden gehen davon aus, dass deutsche Server wegen ihrer Zuverlässigkeit und Ausfallsicherheit ausgewählt wurden, sagte ein LKA-Sprecher.
Die Ermittlungen werden den Angaben zufolge noch einige Zeit andauern, zumal im Rahmen der polizeilichen Maßnahmen eine Vielzahl von elektronischen Datenträgern, Mobiltelefonen und Computern sichergestellt wurde.
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