Panorama

Hunderte Wölfe im Museum - aber bald auch in der Jägerstube?

Tierpräparator Christian Blumenstein mit Wölfin «Bella». Fabian Sommer/dpa
Was von einem überfahrenen Wolf übrig blieb: Ina Pokorny aus dem Naturkundemuseum zeigt ein präpariertes Wolfsfell aus der Sammlung. Fabian Sommer/dpa
Im Naturkundemuseum werden die Teile einer großen Wolfs-Sammlung in Kisten und Kartons verstaut. Fabian Sommer/dpa
Etwa eine Woche braucht Christian Blumenstein im Naturkundemuseum in Potsdam für die Präparation eines toten Wolfs. Fabian Sommer/dpa
Wolfsschädel in Plastik verpackt - er gehört zur Sammlung im Naturkundemuseum Potsdam. Fabian Sommer/dpa

Hier passt ein Wolf in eine Kiste. Im Naturkundemuseum in Potsdam werden Knochen, Schädel und Felle von überfahrenen Tieren präpariert und in Schränken aufbewahrt. Etwa 340 Wölfe seien in der Sammlung dokumentiert - die größte bundesweit, sagt die stellvertretende Museumsdirektorin, Ina Pokorny. Brandenburg ist eines der wolfsreichsten Bundesländer.

Da der bislang noch streng geschützte Wolf (Canis lupus) bundesweit ins Jagdrecht kommen soll, könnten künftig weniger Exemplare für Museen anfallen. «Ich glaube, es werden weniger werden, aber es wird nicht aufhören», meint Tier-Präparator Christian Blumenstein, der seit 40 Jahren im Naturkundemuseum arbeitet. In der Wissenschaft gibt es die Sorge, dass Daten und Forschung zum Wolf wegbrechen könnten.

Derzeit ist hinter vorgehaltener Hand zu hören, dass sicher der ein oder andere Jäger seine private Jagdstube gerne mit einem Wolf schmückt. Das soll künftig ganz legal sein. Denn wie bei Rot- und Schwarzwild soll der Jagdausübungsberechtigte «das Recht zur Aneignung» eines entnommenen Wolfs haben, wie das Bundeslandwirtschaftsministerium mitteilte. Der Jäger darf einen toten Wolf also mitnehmen und präparieren lassen - für private Zwecke. 

«Die Exemplare müssen aber fallweise wissenschaftlichen Untersuchungen zugänglich gemacht werden können», heißt es dazu noch aus dem Landesministerium in Potsdam. Klar ist nach der vorgesehenen Aufnahme ins Jagdrecht aber auch: Ein kommerzieller Handel mit Wolfstrophäen ist nicht erlaubt.

Präparator Blumenstein hat zuletzt vor einigen Wochen gleich zwei tote Wölfe auf den Tisch bekommen. Die Tiere seien im Januar gleichzeitig in etwa 50 Metern Entfernung überfahren worden, erzählte er. «Die liegen unten in der Kühlzelle.» 

In seiner Werkstatt hat er die bereits 2015 präparierte Wölfin «Bella» mit schönem dichtem Fell aufgestellt. Für Museumsbesucher ist ein älteres Exemplar zu sehen - überfahren 1993 auf dem Berliner Ring am Autobahndreieck Schwanebeck. 

Er sei ein wenig Fleischer, Chirurg, Friseur und Kosmetiker, beschreibt Blumenstein seine Arbeiten an einem Wolfskadaver. Er misst den Körper aus, zieht das Fell des Wolfs ab, das dann zum Gerber kommt. Für ein Ausstellungsstück zieht er das haltbar gemachte Fell später über einen Plastikkörper, wählt aus seinem Sortiment passende Glasaugen, setzt ein künstliches Gebiss ein. Am Ende greift Blumenstein noch zum farblosen Nagellack: Damit will der Präparator Speichel am Wolfsmaul andeuten. 

Sammlungen von Schädeln, Skeletten und Gewebeproben von Wölfen sind für die Wissenschaft nach wie vor sehr wichtig und aussagekräftig, wie das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin betont. Die Sammlungen ermöglichten es, Entwicklungen und Anpassungen an Lebensräume über längere Zeiträume zu erkennen. «Wir dokumentieren die gesamte Besiedlung Brandenburgs», sagt auch die stellvertretende Museumsdirektorin Pokorny. 

Das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung untersuchte bislang insgesamt 1.138 tot aufgefundene Wölfe aus ganz Deutschland, um Todesursachen und Gesundheitszustand zu analysieren. Was könnte sich ändern, wenn der Wolfs ins Jagdrecht aufgenommen wird?

«Eine mögliche Folge wäre, dass nur noch Tiere aus Bundesforsten kommen oder aber im Extremfall gar keine mehr», meint die Leiterin der Pathologie am IZW, Claudia Szentiks. Sie hält die Auswirkungen derzeit aber für schwer einschätzbar. Allerdings befürchte sie persönlich, dass mit einer Aufnahme der Wölfe ins Jagdrecht die Wolfspopulation in Deutschland drastisch zurückgeht -  und 25 Jahre Forschung und Naturschutz binnen weniger Monate zunichte gemacht werden könnten. 

In Deutschland war die Wolfspopulation laut Landesagrarministerium um 1850 nahezu ausgelöscht. Immer wieder wanderten später jedoch vereinzelt Wölfe aus Polen ein. Für Aufsehen sorgte der «Würger von Ihlow» - so wurde ein Wolf genannt, der 1960 im Raum Jüterbog Weidetiere gerissen haben soll und von einem Bauern getötet wurde.

Inzwischen gibt es in Niedersachsen, Brandenburg und Sachsen die meisten Wolfsrudel bundesweit - und damit viel Konfliktstoff. Nach Angaben des Landesumweltamts rissen Wölfe 2023 fast 1.300 Schafe und Ziegen in Brandenburg. 2025 waren es immer noch 700. 

Für das Wolfsjahr 2024/25 nennt das Landesamt für Umwelt 60 bestätigte Wolfs-Territorien mit 54 Rudeln und 6 Paaren in Brandenburg. Genaue Tierzahlen nennt die Behörde nicht. Auch wie sich der Bestand entwickeln wird und wie viele Wölfe geschossen werden, wenn die Tierart im Jagdrecht ist, bleibt unklar. «Wir sind sehr froh, dass wir über die letzten 20 Jahre fleißig gesammelt haben», sagt Wolfs-Präparator Blumenstein.

© dpa-infocom, dpa:260317-930-826241/1

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