Schulwechsel
„Wir wollen unsere Schulen für die Zukunft vorbereiten“
Interview mit Theresa Schopper, Ministerin für Kultus, Jugend und Sport der baden-württembergischen Landesregierung
Nichts ist so beständig wie der Wandel – das wusste schon der Philosoph Heraklit. Was im antiken Griechenland galt, ist heute aktueller denn je. Das trifft auf das Leben im Allgemeinen ebenso zu wie auf das Schulleben im Besonderen. Denn Lernen und Lehren müssen sich stetig weiterentwickeln, um auf neue gesellschaftliche und pädagogische Anforderungen angemessen reagieren zu können. Schlussendlich sollen die Schülerinnen und Schüler ja fit für die Zukunft sein.
Unsere Redakteurin Sibylle Powoden sprach mit Kultusministerin Theresa Schopper über Neues und Bewährtes, über Herausforderungen und Möglichkeiten für die Schule von heute und morgen.
Wir machen unsere Beilage „Willkommen in Klasse 5“ alle zwei Jahre und das bereits zum sechsten Mal. Bei der Planung der aktuellen Ausgabe fiel uns auf, dass es jedes Mal etwas gab, was – zumindest für unsere Beilage - neu war. Dieses Jahr ist das eine die verbindliche Grundschulempfehlung fürs Gymnasium. Sie wurde letztes Jahr neu eingeführt. Warum eigentlich? Man sollte doch denken, dass die Eltern immer die passende Schule für ihr Kind aussuchen.
Eltern wollen natürlich das Beste für ihr Kind, aber die Lehrkräfte erleben die Kinder tagein tagaus im Unterricht und haben sowohl die fachliche als auch die pädagogische Expertise. Daher ist ihr Blick maßgeblich. Wir haben die bisherige Grundschulempfehlung weiterentwickelt. Neben der Einschätzung der Lehrkräfte und dem Elternwillen gibt es mit Kompass 4 eine unabhängige Rückmeldung für die Kinder. Und als Joker haben wir auch noch den Potenzialtest. In Summe geben wir den Eltern und Kindern so eine passgenaue Entscheidungshilfe für den weiteren Bildungsweg. Wir wollen schließlich, dass jedes Kind die passende weiterführende Schule findet.
Können Sie etwas zu den Erfahrungen sagen?
Es ist mir ein besonderes Anliegen, dass wir Eltern und Kinder bei dieser wichtigen Entscheidung bestmöglich begleiten. Unser neues Aufnahmeverfahren soll eine umfangreiche und fundierte Orientierung geben und bei der Entscheidung für einen Bildungsweg helfen, der den Begabungen und Leistungen des Kindes entspricht. Diese ausdifferenzierte Empfehlung wird grundsätzlich gut angenommen.
In die Empfehlungen fließen die Einschätzung der Lehrkräfte, der Wunsch der Eltern und der Leistungstest „Kompass 4“ ein. Im Dezember wurde er zum zweiten Mal geschrieben. Wie kommt er bei den Beteiligten an?
Wir hatten Startschwierigkeiten. Aber die Ergebnisse und die Rückmeldungen vom zweiten Durchgang zeigen, dass die weiterentwickelte Testkonzeption gelungen ist. Kompass 4 erweist sich als geeignetes Instrument für eine unabhängige Rückmeldung zum jeweiligen Leistungsstand eines Kindes. Das kann bei der Wahl der weiterführenden Schule helfen, wenngleich immer gilt: Die Rückmeldung der Lehrkräfte hat die stärkste Aussagekraft.
Das zweite, was neu ist: Ab diesem Schuljahr geht es wieder flächendeckend in neun Jahren zum Abitur. Damit kehrt nach rund 20 Jahren das alte System wieder zurück. Oder hat sich am neuen G9 etwas geändert?
Das neue G9 ist kein Zurück in die Vergangenheit. Die Zeiten haben sich schließlich gewandelt, daran muss sich auch Schule messen lassen. Wir wollen unsere Schulen für die Zukunft vorbereiten. Das neue G9 kennzeichnet sich insbesondere durch fünf Innovationsschwerpunkte aus: Wir stärken die Grundlagenfächer Deutsch, Mathematik, den naturwissenschaftlichen Bereich, die Demokratiebildung, die Berufliche Orientierung sowie die Lern- und Leistungsentwicklung durch ein individuelles Schülermentoring. Schülerinnen und Schüler sollen im Vergleich zum bisherigen G8 entlastet werden, indem sie im neuen G9 weniger Wochenstunden pro Schuljahr haben. Die genannten Innovationsschwerpunkte wurden auch an allen anderen Schularten der Sekundarstufe I eingeführt. Nur, wenn wir unseren Kindern die richtigen Kompetenzen für die Herausforderungen von morgen mitgeben, bleibt Baden-Württemberg auch zukünftig ein starkes Land mit hoch qualifizierten Menschen und einer innovativen Wirtschaft.
Wenn die Lernenden heutzutage an der Realschule neben der Mittleren Reife auch den Hauptschulabschluss machen können, fragt man sich, warum es überhaupt noch Haupt- und Werkrealschulen gibt. Ist ihre Abschaffung geplant?
Der Werkrealschulabschluss bleibt bis zum Schuljahr 2029/30 vollständig erhalten und gesichert. Ab diesem Zeitpunkt endet die bisherige Werkrealschule nach der 9. Klasse, sie wird aber nicht abgeschafft. Die Werkrealschulen/Hauptschulen leisten weiterhin einen wertvollen Beitrag zur Schullandschaft, insbesondere durch ihren klar praxisorientierten Unterricht. Die Standorte mit stabilen Eingangszahlen können auch in Zukunft als eigenständige Schulen bestehen bleiben. Darüber hinaus können sich Werkrealschulen/Hauptschulen zu Realschulen oder Gemeinschaftsschulen weiterentwickeln oder einen Schulverbund mit einer Realschule oder einer Gemeinschaftsschule eingehen.
Was ist denn inzwischen der Unterschied zwischen Gemeinschaftsschule und Realschule? Da und dort wird auf zwei verschiedenen Lernniveaus unterrichtet.
Während die Realschule insbesondere ein Ausgangspunkt für den Weg in die duale Ausbildung oder ein weiterführendes Gymnasium sein kann (und vorrangig zum Realschulabschluss führt), bietet die Gemeinschaftsschule ein alternatives Bildungsangebot, welches jenem des Gymnasiums, der Realschule und der Hauptschule entspricht. Der größte Teil der Gemeinschaftsschulen wird darüber hinaus im Verbund mit einer Grundschule geführt, sodass es an einigen Standorten sogar einen durchgängigen Weg von Klasse 1 bis zum Abitur innerhalb derselben Schule gibt. Das 5. Schuljahr auf der Realschule bietet ein mittleres Niveau, danach folgt die Differenzierung je nach Leistungsstand. An der Gemeinschaftsschule gibt es Unterricht auf 3 verschiedenen Niveaus.
Wie sieht es generell an unseren weiterführenden Schulen aus? Gibt es genügend Lehrkräfte oder fällt nach wie vor viel Unterricht aus? Ich erinnere mich da an Fehler in der Erhebung von Lehrerstellen, die im Sommer publik wurden.
In der Lehrereinstellung 2024 blieben in Baden-Württemberg lediglich 45 Stellen unbesetzt, überwiegend im Bereich der Sekundarstufe I. Das gute Ergebnis ist insbesondere das Resultat kontinuierlicher Arbeit an den Rahmenbedingungen. Der Ausbau der Studienkapazitäten, der Quereinstiegsmöglichkeiten und die Sondermaßnahmen beim Bestandspersonal tragen nun zunehmend Früchte. In der Lehrkräfteeinstellung 2025 sind insgesamt 5468 Stellen landesweit besetzt worden und damit über 1000 Stellen mehr als im Vorjahr (damals: 4405). Auch die 1440 fälschlicherweise als besetzt angezeigten Stellen kamen der Unterrichtsversorgung sehr zugute. Und sie kamen zu einem Zeitpunkt, an dem sich zumindest in einigen Bereichen die Personalsituation etwas bessert. So kam und kommt zusätzliches Personal neu an die Schulen. Dennoch stehen wir aktuell weiter vor Herausforderungen bei der Unterrichtsversorgung, insbesondere im Bereich der Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren.
Wie zeitgemäß ist der Unterricht überhaupt? Also sowohl in Form als auch in Inhalt.
Grundsätzlich hat die Schule den Auftrag, kritisches Nachdenken zu fördern, zum Denken und Hinterfragen anzuregen, zum Faktenchecken und Quellenbewerten zu befähigen. Das war, ist und bleibt zeitgemäß. Diese Kernkompetenzen sind in unserem Alltag, der zunehmend digitaler wird, wichtiger denn je. Nicht zuletzt deshalb haben wir zu Beginn des laufenden Schuljahrs das Fach Informatik und Medienbildung verpflichtend eingeführt. Über die Vermittlung von Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten hinaus soll die Schule insbesondere auf die vielfältigen Lebensaufgaben und auf die aktuellen Anforderungen der Berufs- und Arbeitswelt vorbereiten – so bestimmt es der in der Landesverfassung verankerte Erziehungs- und Bildungsauftrag. Lehrkräfte haben einen großen Gestaltungsspielraum innerhalb des Bildungsplans und können jederzeit aktuelle Trends und Themen im Unterricht behandeln.
Stehen weitere Neuerungen an?
Wir haben in den vergangenen Monaten mehrere Dickschiffe bewegt. Hervorheben möchte ich insbesondere unser Sprachförderprogramm „SprachFit“, denn auf den Anfang kommt es an. Deshalb haben wir in der zu Ende gehenden Legislatur den Beginn der Bildungslaufbahn in den Mittelpunkt gestellt. Also schon ab der Kita. Das Ziel: Kinder sollen nur noch schulbereit in die Schule kommen. Ich sage immer: Erstklässlerinnen und Erstklässler sollten schon im Zug sitzen und nicht nur die Rücklichter sehen. Und in der Grundschule unterstützen wir diejenigen, die weiterhin einen Sprachförderbedarf haben.
Und noch eine letzte Frage: Haben Sie einen Tipp, wie Eltern ihren Kindern den Übergang von der Grundschule auf die weiterführende Schule erleichtern können?
Informieren Sie sich umfassend über die Möglichkeiten. Das Schulsystem in Baden-Württemberg bietet jede Menge Möglichkeiten und Chancen für die Zeit nach der Grundschule – und mit dem Schritt nach Klasse 4 ist der weitere Weg nicht in Stein gemeißelt. Es gilt der Leitsatz: Kein Abschluss ohne Anschluss. So zeichnet sich das Land beispielsweise durch ein flächendeckendes Angebot an beruflichen Gymnasien aus – eine gute Alternative zu den allgemeinbildenden Gymnasien, um Profile und Talente zu schärfen. Sprechen Sie mit den Lehrkräften und nehmen Sie deren Empfehlungen ernst. Sie erleben die Kinder tagtäglich und haben eine profunde Einschätzung ihres Könnens. Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit von Eltern und Schule hilft.