Nürtingen

Neustart in Klasse 5: Das rät der Nürtinger Schulpsychologe Johannes Hitzler

Vom Grundschulkind zum Fünftklässler: Wie Familien den Wechsel auf die weiterführende Schule begleiten können, erklärt Johannes Hitzler, Leiter der Schulpsychologischen Beratungsstelle Nürtingen, im Interview. Außerdem gibt er Tipps, wo man sich Hilfe holen kann.

Johannes Hitzler, Fachbereichsleiter der Schulpsychologischen Beratungsstelle Nürtingen. Foto: pm

NÜRTINGEN. Der Übergang auf eine weiterführende Schule zählt zu den prägendsten Momenten im Leben eines Kindes – und stellt auch Eltern vor viele Fragen. Wie gelingt ein guter Start in Klasse 5? Woran erkennen Familien, ob ihr Kind emotional bereit ist? Welche Rolle spielen Selbstwert, Resilienz und ein stabiles soziales Umfeld? Und was können Eltern tun, wenn Unsicherheiten, Einsamkeit oder Konflikte auftreten? Johannes Hitzler, Fachbereichsleiter der Schulpsychologischen Beratungsstelle in Nürtingen, gibt im Interview mit Lia Hiller Tipps für einen gelingenden Wechsel und das Schulleben generell.

Herr Hitzler, der Übergang auf die weiterführende Schule bringt neue Anforderungen. Wie können Eltern ihre Kinder unterstützen, den Übergang gut zu bewältigen?

Zum Zeitpunkt des Übergangs sind manche Fragen zu Interessen, Schwerpunkten und Kompetenzen des Kindes oft noch nicht leicht zu beantworten. Der Besuch von Informationsabenden, Tagen der offenen Tür und so weiter, an denen sich die weiterführenden Schulen vorstellen, gibt hier Orientierung. Gemeinsame Gespräche darüber, was ein Kind sich an der neuen Schule erhofft und vielleicht auch befürchtet, können helfen, Ängste abzubauen und die Erwartungen realistisch zu gestalten. Auf Klassenzusammensetzung und Lehrerschaft haben Eltern jedoch keinen Einfluss.

Wie können Familien erkennen, ob ihr Kind bereit für den Schulwechsel ist – emotional wie organisatorisch?

Die Grundschule endet nach Klasse 4, der Wechsel an die weiterführende Schule ist ein Automatismus. Hier hilft es, wenn Eltern darauf vertrauen, dass ihr Kind die Herausforderungen des Wechsels gemeinsam mit den anderen meistert. Der Übergang ist aufregend und manchmal beängstigend, die allermeisten Kinder haben dabei aber keine größeren Probleme. Die Lehrkräfte der weiterführenden Schule begleiten diesen gemeinsamen Neustart meist mit hoher Kompetenz und viel Feingefühl. Sie investieren in Klasse 5 meist intensiv Zeit in die Entwicklung der neuen Klassengemeinschaft und das Ankommen an der neuen Schule.

Was hilft Kindern, ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln und ihre Resilienz zu erhöhen?

Auch wenn es individuelle Unterschiede gibt, haben Kinder, für die folgende Faktoren hinreichend erfüllt sind, wahrscheinlich eine resilientere Selbstorganisation: stabile und liebevolle Beziehungen; Wertschätzung und Anerkennung für Anstrengung statt für Ergebnisse; ein passendes, altersgerechtes Maß an Mitbestimmung und Verantwortungsübernahme; eine offene, ermutigende Haltung gegenüber Fehlern und Misserfolgen; ein akzeptierender Umgang mit unangenehmen Emotionen; liebevolle und konsequente Grenzen; gute Beziehungen zu Gleichaltrigen; positive erwachsene Vorbilder im Umgang mit Stress und Herausforderungen sowie ausreichend Schlaf, Bewegung und gesunde Ernährung.

Wie wichtig ist ein stabiles soziales Umfeld für die mentale Gesundheit von Fünftklässlern?

Ein stabiles soziales Umfeld jenseits der Schule ist natürlich hilfreich, um den Übergang in ein neues Sozialgefüge für Kinder zu Beginn der fünften Klasse zu flankieren. Nicht von ungefähr ist für viele Kinder das Hauptkriterium für den eigenen Schulwunsch die Übergangsentscheidung der Freunde und Klassenkameraden, um etwas Vertrautes zur Seite zu wissen. Dieses Bedürfnis sollte ernst genommen werden und dennoch nicht alleiniges Kriterium für die Schulwahl bleiben, da nach einigen Wochen an der neuen Schule auch Vertrautheit mit neuen Kindern entsteht.

Was können Eltern tun, wenn ihr Kind sich einsam fühlt oder Schwierigkeiten hat, Anschluss zu finden?

Eltern könnten durch die Initiierung von Kontakten und das Vorschlagen von sozialen Aktivitäten ihr Kind dabei unterstützen, Anschluss zu finden. Jedoch hat jedes Kind seine individuelle Geschwindigkeit und eigene Vorlieben, das sollten Eltern akzeptieren. Alleine mit sich selbst sein zu können, ist eine wichtige Kompetenz, einsam ist man erst dann, wenn das Alleinsein negativ erlebt wird. Für Kinder ist es oft hilfreicher, wenn wir ihnen „bei-stehen“ als schnell dem Impuls zu folgen, etwas für sie ändern zu wollen. Gelungene Kontakte und Kontaktaufnahmen zu würdigen und zu bestärken und unangenehme Gefühle gemeinsam auszuhalten, aktiviert oft die eigenen Kompetenzen des Kindes und lässt ein Gefühl von Selbstwirksamkeit wachsen.

Wie gehen Familien am besten mit Konflikten oder Mobbing um, ohne das Kind zu überfordern?

Es stärkt die Beziehung und das Vertrauen zwischen Eltern und Kind, wenn über Geschehnisse in der Schule gesprochen wird – über das, was nicht gut läuft, aber vor allem auch über das, was gut läuft. Konflikte und deren Lösung sind in jeder Gruppe und jeder Klasse ein normaler Teil des Miteinanders. Eltern sollten zurückhaltend sein, Konflikte und Probleme für das Kind lösen zu wollen, und stattdessen ihr Kind darin unterstützen, dies selbst zu versuchen. Bei Verdacht auf Mobbing oder bei schweren Konflikten sollten Eltern unbedingt auf die Klassenlehrkraft zugehen, da diese Dinge meist am besten dort bearbeitet werden, wo sie stattfinden.

Wie können Eltern feine Signale emotionaler Überlastung wahrnehmen und auf welche Veränderungen im Verhalten eines Kindes sollten sie aufmerksam machen?

Wenn ein Kind plötzlich starken Widerstand gegen den Schulbesuch zeigt, wenn es freudlos oder motivationslos erscheint, wenn Noten absinken oder das Kind sich Eltern und Freunden gegenüber zurückzieht, sollten Eltern aufmerksam beobachten und mit ihrem Kind darüber behutsam ins Gespräch gehen, um mögliche Ursachen zu erfahren und ihr Kind unterstützen zu können.

Wie unterscheiden Sie zwischen einer normalen Anpassungsphase und einer Belastung, die professionelle Unterstützung braucht?

Wir versuchen mit den Ratsuchenden, die sich an die Schulpsychologie wenden, zuerst telefonisch zu sondieren, welche Unterstützung für sie am besten zu passen scheint. Wenn eine Person selbst schon viele Ideen hat, was sie zum Umgang mit der Situation tun kann, werden nächste Schritte oft selbstständig mit neuem Mut in Angriff genommen. Eine erneute Kontaktaufnahme zu uns ist jederzeit wieder möglich. Darüber hinaus beraten wir bei schulischen Herausforderungen natürlich auch in Präsenz, wenngleich unsere Arbeit zeitliche, inhaltliche und fachliche Grenzen hat. Da wir gut mit den anderen Fachstellen im Landkreis vernetzt sind, können wir bei Bedarf an andere Stellen weiterverweisen und die Übergänge unterstützen. Niederschwelligere Beratungsangebote bei schulischen Herausforderungen gibt es auch vor Ort an den Schulen durch Beratungslehrkräfte oder die Schulsozialarbeit.

Zur Startseite