NÜRTINGEN. Zum Abschluss der Friedenswochen referierte der Friedens- und Konfliktforscher Dr. Thomas Nielebock im gut besuchten Martin-Luther-Hof in Nürtingen. Fast 40 Jahre lang lehrte und forschte Thomas Nielebock an der Uni Tübingen zur Friedens- und Konfliktforschung. Eingeladen hatte die Nürtinger Gruppe der IPPNW (Internationale Vereinigung der Ärzte für die Verhinderung des Atomkriegs), die bereits 1985 den Friedensnobelpreis erhalten hat.
In der öffentlichen Debatte scheine Sicherheit nur durch Abschreckung und Aufrüstung, mit viel mehr Geld und allgemeinem Wehrdienst, erreichbar. Diese Denkweise gelte heute gemeinhin als alternativlos. Kriegstüchtig sollten nicht nur das Militär, sondern auch zivile Bereiche wie Wirtschaft, Bildung, Gesundheitswesen und Verkehr werden. Frieden ist laut Thomas Nielebock ja weit mehr als kein Krieg. Die ersten Schritte müssten zu einem Ende der militärischen Aggression führen, also Waffenstillstand. Das gelinge sicher nicht durch weitere Eskalationsstufen, sondern durch eine friedensfördernde Sicherheitspolitik, also einer strikten Defensivverteidigung. Der unabdingbar erste große Schritt des Konzepts bestehe im Verzicht darauf, die Gegenseite zu bedrohen, im Verzicht auf Abschreckungs- und Verteidigungsstrategien mit Nuklear- und Massenvernichtungswaffen. Dies sei ein Zwischenschritt zu allgemeiner Abrüstung und zu gewaltfreier Konfliktlösung.
Eigenes Machtbestreben und Machterhalt durch weitere militärische Eskalation dürften nicht zum Verlust unzähliger weiterer Menschenleben, der Zerstörung der Infrastruktur und der ökologischen Lebensgrundlagen sowie dem erhöhten Risiko einer Eskalation in einen Atomkrieg führen. Der Blick auf zurückliegende Konflikte zeige, dass gewaltfreier, defensiver Widerstand doppelt so häufig erfolgreich sei wie gewaltsamer Widerstand, die Konflikte deutlich kürzer andauerten und erheblich weniger Opfer und zivilisatorische Zerstörung aufträten.
Gemäß Thomas Nielebock könne man davon ausgehen, dass kein Volk im Krieg leben möchte, aber Konflikte naturgemäß immer wieder auftreten würden. Konfliktbewältigung und Konfliktlösung hätten daher vorderste Priorität, um eine Sicherheitsordnung zu erstellen. Das sei noch kein Frieden, aber ein unverzichtbarer Zwischenschritt auf dem Weg zu einer umfassenden Friedensordnung.
Alle könnten dazu beitragen, damit die Kriegserwartung nicht selbstverständlich werde. Man könne sich gut informieren, nachfragen, sprechen, ermutigen, zweifeln, Gruppen bilden, wählen und im Alltag mutig Rückfragen stellen.
Dem staatlich geförderten Feindbild könne man Nachdenken, Respekt und Versöhnung entgegensetzen und über Eigenverantwortung und Empathie den Weg zum Kompromiss aufzeigen.
In der Diskussionsrunde wurden weitere Aspekte angesprochen und vertieft. Dem Referenten wurde herzlich gedankt, nicht nur wegen der umfassenden Information. Er habe dem Publikum auch konkrete Maßnahmen und Wege aufgezeigt, um wieder friedvoller miteinander umzugehen.