NÜRTINGEN. Kürzlich trafen sich 17 Wanderer der Ortsgruppen Nürtingen und Reudern des Schwäbischen Albvereins im Alter zwischen drei Monaten und 88 Jahren am Sonnenhof, um mit der Führung durch den neuen Ortsgruppenvorsitzenden Jürgen Gittel in einer kleinen Wanderung im Wald zwischen dem Tiefenbachtal und Frickenhausen mehr über die Geschichte und Geschichten im deutschen Wald allgemein und das vor unserer Haustür liegende Stück im Speziellen zu erfahren.
Zu Beginn unserer Zeitrechnung war Germanien zu etwa 90 Prozent von Wald bedeckt. Durch das Bevölkerungswachstum ab dem Hochmittelalter und der damit verbundenen Rodung von Flächen zur landwirtschaftlichen Nutzung sowie der intensiven Holznutzung zum Bau, zur Wärmeerzeugung und für vielerlei Handwerke ging der Waldanteil auf etwa 20 und in manchen Gegenden auf unter 10 Prozent der Fläche zurück. Heute ist wieder etwa ein Drittel des Landes von Wald bedeckt, aber es ist kein Urwald, sondern mehr oder weniger eine Kulturlandschaft, die von Menschen geschaffen wurde.
Der Wald in unserer Gegend ist eng mit der Geologie der Alb verbunden. Im oberen Bereich der Alb, in der der weiße Jura dominiert, ist Wald entlang des Albtraufs die übliche Erscheinung. Eine Etage darunter, im braunen (auch gelben oder mittleren genannten) Jura, sind Wiesen, Weiden und Streuobstwiesen die häufigste Nutzung. Da der braune Jura weniger wasserdurchlässig ist, findet man an dem Übergang vom weißen zum braunen Jura zahlreiche kleine Quellen wie das Sennerbrünnle oder den Jakobsbrunnen.
Angezeigt wird diese Höhenlinie auch vom Vorkommen der sonst in unseren Wäldern seltenen Birke, die viel Wasser in ihrem Wurzelbereich braucht. Der Höhenrücken zwischen Tiefenbachtal und Frickenhausen liegt genau in diesem Übergangsbereich und ist die Ursache für die zahlreichen kleinen Zuflüsse zum Tiefenbach und zur Steinach. Außerdem hat sich in dieser Zone Bohneisenerz angereichert, das im Früh- und Hochmittelalter abgebaut und an Ort und Stelle verhüttet wurde. Um ein Kilogramm Eisen zu erzeugen, wurden mindestens 40 Kilogramm Buchenholz benötigt, was sicherlich dazu führte, dass diese Stelle des heutigen Waldes komplett kahl war.
Einen neuen Urwald entstehen zu lassen, ist ein Projekt für Jahrhunderte, denn ein Wald ist wesentlich mehr als eine Ansammlung von Bäumen. Sein „Gehirn“ liegt in der Erde und wird durch ein Geflecht aus Mykorrhizapilzen gebildet. Diese versorgen die Bäume mit wichtigen Mineralstoffen wie Phosphor und Stickstoff und werden von den Bäumen im Gegenzug mit energiereichen Kohlenstoffverbindungen aus deren Photosynthese versorgt.
Zum Abschluss traf sich die Gruppe zu Kaffee und Kuchen beim Sonntagskaffee der Böhmerwäldler im Haus der Heimat und ließ den kurzweiligen Nachmittag gemütlich ausklingen.