NECKARTENZLINGEN. „Eydl Geshmak“, Delikatessen waren es, gereicht von Adafina, dem Klezmer-Duo, das sich nach dem traditionellen Shabbateintopf der spanischsprachigen Juden nennt. Als Entrée eine Doină, eine von synagogaler Musik beeinflusste Improvisation, als Dessert das bekannte Volkslied „Sternlein“, von Moll nach Dur entwickelt. Dazwischen: ein fesselndes Programm. Begeistertes Publikum, großer Beifall. Almut Schwab: Querflöten und Hackbrett. Leider wegen einer Verletzung an der rechten Hand ohne Akkordeon. Jan Köhler: Marimba und Vibraphon. Bis auf ein Stück, alles fein ziselierte Bearbeitungen von Almut Schwab. Mit charmantem Witz erklärte sie Inhalt und Bedeutung der Stücke. Immer wieder durch Köhler assistiert. Wichtiges Merkmal der jüdischen Musikkultur: Musikmachen bedeute Verbinden mit dem Höchsten. Singen, ein Instrument spielen, zusammen Musik zu erleben – all das habe eine spirituelle Dimension. Der Begriff Klezmer, Hebräisch „Kli Zmer“ bedeute „Gefäß für Musik“. „So gesehen sind wir alle Gefäße für Musik, weil Musik die Sprache der Seele ist“. Diese tiefe Beziehung zwischen Mensch und Musik wurde an diesem Abend spürbar. Virtuos musizierte das Duo, arbeitete mit den unterschiedlichen Klangfarbigkeiten ihrer Instrumente überzeugend Stimmung und Charakter der Melodien und Improvisationen heraus – bildhaft ihre Körpersprache. Mit Tsimbl, der jiddischen Bezeichnung für das typische Klezmerinstrument, dem Hackbrett, Querflöten, Marimba und Vibraphon wurden die Melodien und deren Bearbeitung zu berührenden Erlebnissen. Ob die beiden reich verzierten Sätze aus der Musik des Barock, ob Klezmerklänge, ob Schwabs Komposition eines zwischen Dur und Moll schwebenden, leise verklingenden, empfindungsreichen Schlafliedes für ihr Enkelkind Mathilda, ob brasilianische, eingängige Klänge auf Bassquerflöte und Marimba, ob das stimmungsreiche, träumerische finnische Volkslied „Emma“ oder das bekannte brasilianische, rhythmisch akzentuierte mitreißend gespielte „Nao me toques“ („Fass mich nicht an“): alles eindringliche Interpretationen.
Nach der Pause, „Jerusalem of Gold“, geprägt von der Sehnsucht aller jüdischen Menschen nach der Stadt Jerusalem. Für Schwab „ein Symbol dafür, dass wir einmal alle miteinander in Frieden leben könnten“, eindrucksvoll gestaltet am Hackbrett und Marimba, in Stille verklingend. Dann das Zusammenkommen von bairischen und jiddischen Volkstanzmelodien. Ergreifend das tieftraurige Lied von der Einsamkeit im Wilnaer Ghetto des jiddischen Dichters Avraham Sutzkever, „Unter deinem weißen Stern“. Ihm fügte das Duo auf Rat einer jüdischen Freundin den wortlosen Gesang von Freude und Dankbarkeit, einen Nigun, an, denn Fröhlichkeit und Melancholie prägen gleichermaßen die Klezmer-Musik. Am Ende: argentinische Klänge einer Milonga, der „kleinen, fröhlichen Schwester des melancholischen Tangos“ (Schwab). Großer Beifall. Drei Zugaben. Ein außergewöhnliches Konzert in der Kleinen Reihe des Kulturrings - mit bedauerlich wenigen Zuhörern.