NECKARTENZLINGEN. Schüler und Studenten, die sich beim Schreiben von Texten immer häufiger auf die Künstliche Intelligenz (KI) stützen, sind „auf dem Marsch in die selbst verschuldete Unmündigkeit“. Dies sagte der Wirtschaftsjournalist und Hochschuldozent Ingo Leipner aus Lorsch kürzlich bei einem Vortrag in Neckartenzlingen. In der Medizin und in der Technik gebe es sicher viele hilfreiche und sinnvolle Anwendungen der KI, wenn Menschen aber ständig auf Texte und Ratschläge zurückgriffen, die etwa das KI-Sprachmodell ChatGPT erzeuge, dann würden ihre eigene Souveränität und ihre eigenen Freiheitsräume kleiner. Dies gelte auch für Erwachsene, weil das Gehirn ständig trainiert werden müsse, sagte der Dozent bei seinem von InfoMobilFunk Neckartenzlingen und Umgebung organisierten Vortrag mit der Überschrift „KI und Bildung – Auswirkungen auf das Denken“.
Es sei ähnlich wie im Sport, meinte Leipner: „Sport muss anstrengend sein, damit Muskeln wachsen.“ Auch unser Gehirn und unser Gedächtnis könnten nur durch „Gehirntraining“ und echte geistige Herausforderungen wachsen. Das Nachdenken und das Schreiben von Texten würden aber nicht trainiert, wenn die Texte von einem KI-Sprachmodell geschrieben werden. Es wäre „ein Horror“, meinte er, wenn wir in Zukunft Leute hätten, die ihre geschriebenen Texte nur noch von digitalen Sprachmodellen erzeugen lassen. Damit würden sie ihr Gehirn weit weniger beanspruchen, als wenn sie selbst schreiben müssten. Sie würden dadurch auch ihr Selbstbewusstsein und ihr Selbstvertrauen schädigen. Nach dem englischen Motto „Use it or lose it“, müssten alle Menschen ständig die eigene Leistung aktivieren.
Die Nutzung KI-geschriebener Texte sei ein echter Bruch bei der Entwicklung des eigenen Gehirns, weil die KI-Nutzer auf die eigene Urteilskraft dabei weitgehend verzichten. Es sei wissenschaftlich inzwischen belegt, dass beim Herunterladen von fertigen Texten im eigenen Gehirn weit weniger Erweiterungen und Veränderungen der „neuronalen Strukturen“ entstehen als beim Selberschreiben von Texten. Die Entstehung einer leistungsfähigen „Neuroplastizität“ hänge entscheidend von echten Lernprozessen ab. Verzichte man darauf, bleibe als Folge die Leistungsfähigkeit des eigenen Denkens zurück. Nur mit vielfältig erlernten eigenen Kriterien könnten Mensch Texte – auch die von einer KI geschriebenen Texte – auf ihre Richtigkeit hin überprüfen. Wer dies vernachlässige, falle auch häufiger als andere auf falsche Botschaften herein.
Das große Problem bei alledem sei aber die Tatsache, dass es einfach bequem ist, wenn man sich Texte von einer KI schreiben lässt, und dies durch eine kurze Dopamin-Ausschüttung im Gehirn auch eine gewisse Zufriedenheit auslöst. Dies werde durch den aktuellen KI-Hype und eine massive Werbung noch befördert. Die Nutzer gäben sich leider immer häufiger mit der Einstellung zufrieden, man könne alles mit der KI zu einem guten Ende bringen.