NÜRTINGEN. Er hat viel zu erzählen: zum jährlichen Dankeschön-Abend für die ehrenamtlichen Lesepatinnen und Lesepaten des Vorlesenetzes Nürtingen war in diesem Jahr Hans-Peter Zuther als Referent eingeladen. Aus seiner jahrzehntelangen Tätigkeit als Lehrkraft an der Waldorfschule und vor allem als passionierter Geschichten- und Märchen-Erzähler verfügt er über einen reichen Erfahrungsschatz. Aus diesem gab er vielfältige Einblicke zum Thema Erzählsituationen und ging für die Lesepaten, die selbst regelmäßig vor Gruppen von Kindergarten-Kindern vorlesen, auch auf die besonderen Herausforderungen und Chancen des Erzählens gegenüber dem Vorlesen ein.
Der wesentliche Unterschied zwischen dem Vorlesen und dem freien Erzählen einer Geschichte liegt in der Fokussierung des Erzählenden: Während des Vorlesens liegt die Aufmerksamkeit des Lesenden vor allem auf den Textpassagen, der Sprache und gegebenenfalls der Präsentation der zugehörigen Bilder – zusätzlich versucht der Vorlesende die Reaktion der Kinder aufzunehmen und sie „mit der Geschichte mitzunehmen“. Beim freien Erzählen ist der Fokus deutlich weniger auf dem Erzähltext selbst: Anfang, Erzählstrang und natürlich Ende der Geschichte müssen dem Erzählenden bekannt und gut verinnerlicht sein – die genaue Wortwahl, die Ausführung und Ausschmückung der Handlung und Sprache, Mimik und Gestik entstehen aber sehr stark aus dem Blickkontakt und den Reaktionen der kleinen Zuhörer. So entsteht ein ganz individuelles Erzähl- und Zuhörspiel, das die Kinder extrem stark in die Geschichte und Sprache einbeziehen kann und ihre Aufmerksamkeit nahezu garantiert.
Als Anschauungs-Beispiel und als Dankeschön für die vielen im vergangenen Jahr geleisteten ehrenamtlichen Vorlesestunden durften die Lesepatinnen und -Paten anschließend dem Märchen von der Kristallkugel der Gebrüder Grimm lauschen – frei erzählt und ausgestaltet von Hans-Peter Zuther.
Also Fazit: Freies Erzählen muss extrem gut vorbereitet sein und ist nur etwas für echte Profis? Natürlich nicht! Aber: die Erläuterungen und Einblicke Zuthers zeigen, worum es bei der Begleitung und Erziehung von Kindern geht: sie wünschen sich unsere Zeit und unsere Aufmerksamkeit, dass wir auf sie eingehen und ihre Reaktionen erwidern. Ein hoher Anspruch und sicher nicht immer erfüllbar – aber wir Vorlesepatinnen und -Paten nehmen mit: gut, wenn man sich die Freiheit nimmt, sich zumindest passagenweise vom genauen Vorlesetext zu lösen und stattdessen den Austausch mit den Kindern intensiver zu suchen und zu gestalten. Und vielleicht lohnt sich diese Erweiterung der Perspektive ja auch in unserem Alltag: in dem, was wir machen, öfter kurz „aufzublicken“ und den Kontakt und die Resonanz zu den Menschen zu suchen, für die wir in irgendeiner Weise tätig sind.
Mehr Infos unter www.vorlesenetz-nürtingen.de