Weihnachtsgrüße

Zwischen Lametta und Buddha

24.12.2018, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Fanny Keller erlebt in Kambodscha Weihnachten fernab von bekannten Weihnachtsritualen und ganz anders

Wenn ich mich an die vergangenen Weihnachtsfeste zu Hause in Altdorf erinnere, folgten diese immer einem festen Ritual: Am Nachmittag wurde der Weihnachtsbaum aufgestellt und geschmückt. Danach haben wir uns zurechtgemacht und besuchten mit unseren Weihnachtsgästen den Gottesdienst. In diesem Jahr wird Weihnachten fernab von all dem und ganz anders sein.

Zusammen mit fünf weiteren Mädchen lebe ich seit August für ein Jahr in Kambodscha in einem Kinderdorf. Dort gibt es eine große Sportanlage, einen Kindergarten und eine Grundschule, in der Kinder bis zur siebten Klasse unterrichtet werden. Zwei von uns sechs Freiwilligen arbeiten im Kindergarten, während wir andern vier in der Schule die Fächer Englisch, Sport, Schwimmen und Musik unterrichten. Im Englischunterricht ist unser Ziel, den Schülern die Sprache näherzubringen und dafür zu sorgen, dass Sätze wie „Where are you going come from?“ aus ihren Köpfen gestrichen werden.

Die Kinder für den Unterricht zu motivieren stellt dabei oft schon die erste Hürde dar, da der Pool auf dem Gelände doch deutlich verlockender ist als der Englischunterricht im schwülheißen Klassenzimmer. So ist es an uns, den Unterricht möglichst abwechslungsreich und spannend zu gestalten, um nicht ständig den Satz „Teacheeeeer swimming!“ hören zu müssen. Wenn der Schwimmunterricht dann doch ausnahmsweise mal den Englischunterricht ersetzt, dann ist es immer eine große Freude, mit den Kindern gemeinsam in den Pool zu gehen und ihnen neben dem Rumplantschen die Grundzüge des Brustschwimmens beizubringen.

Doch stellt nicht nur der Unterricht selbst eine Herausforderung dar, sondern oft auch die sprachliche Barriere oder das schwer zu verstehende Englisch der Kinder. So wird beispielsweise von den Schülern in der Pause, in der zu Mittag gegessen wird, nicht etwa „Break“ oder „Lunchtime“ gesagt, sondern „Irei“. Wir dachten eine ganze Weile, es sei ein Begriff in Khmer, der Sprache Kambodschas. Doch irgendwann haben wir festgestellt, dass die Kinder „Eat Rice“ sagen. „Eat Rice“ ist die wortwörtliche Übersetzung aus dem Khmer „Niam Bei“, was die Kambodschaner zu jeder Mahlzeit sagen, da eigentlich immer Reis dabei ist. Durch Unterrichtstunden in Khmer versuchen wir die Verständnisprobleme weiter zu reduzieren und damit auch die Möglichkeit zu erhalten, uns mit Kambodschanern, die kein Englisch können, verständigen zu können.

Durch die Schule hatten wir auch schon die Möglichkeit, zusammen mit den Schülern Stunden in „Bokator“, einer kambodschanischen Kampfsportart, zu bekommen. Während wir unser Bestes gaben, lachten die Kinder die meiste Zeit und amüsierten sich prächtig darüber, wie ihre Lehrer versuchten, den Schritten des Bokator-Lehrers zu folgen. Sowohl die Schüler als auch die Bokator-Lehrer freuten sich jedoch sichtlich darüber, dass wir die Kultur der Khmer, also der Kambodschaner, kennenlernen wollen.

So hatten wir auch das Glück, dass eine der Lehrerinnen an der Schule die klassischen Tänze der Khmer beherrscht. Sie erklärte sich bereit, uns einige der Bewegungen und Schrittfolgen beizubringen. Allerdings muss ich jedoch im Vergleich dieser zwei traditionellen Sportarten sagen, dass ironischerweise der Tanz schmerzhafter ist als die Kampfsportart, da man sich bei dieser weniger verrenken und seine Gelenke weniger überdehnen muss.

Doch nicht nur innerhalb der Schule konnten wir schon viel über Kambodscha und seine Einwohner erfahren. Bereits einige Male waren wir in der Hauptstadt Phnom Penh, von der wir nur etwa eine Stunde mit dem Tuk Tuk entfernt leben. Das Wasserfest, eines der drei großen Feste in Kambodscha, konnten wir dort hautnah miterleben. Dieses findet am Ende der Regenzeit statt, also im November, und feiert das Zurückfließen des Wassers, da zu dieser Zeit der Tonle Sap River seine Fließrichtung ändert. Auf dem Fluss wird dabei immer ein großes Drachenbootrennen mit etwa 300 startenden Booten veranstaltet, das über drei Tage dauert und damit endet, dass das längste Drachenboot der Welt an der riesigen Zuschauermenge vorbeifährt.

Es war sehr spannend, dieses wichtige Fest inmitten von Einheimischen zu erleben und von der großartigen Stimmung mitgerissen zu werden.

Neben Phnom Penh hatten wir die Möglichkeit, während unserer zwei Wochen Ferien Battambang, die zweitgrößte Stadt Kambodschas, Siem Reap mit den Tempeln von Angkor, Koh Rong, die größte Insel Kambodschas, und Kampot, eine wunderschöne Stadt im Süden Kambodschas, zu bereisen und zu erkunden. Es ist immer wieder ein Erlebnis, mit Tuk Tuks über die holprigen Straßen zu fahren, den Dschungel mit Motorrollern zu erkunden und Busfahrten mit Kambodschanern zu verbringen, die absolute Karaokefans sind.

In Kambodscha scheinen überall Abenteuer darauf zu warten, erlebt zu werden. So hatten wir in unserem Freiwilligenhaus bereits eine Begegnung mit einer etwa zwei Meter langen Schlange, mit diversen Spinnen und mit Ratten, die ihre Babys auch gerne mal in den Schränken nichtsahnender Freiwilliger unterbringen.

Das Leben in einem Haus und das Schlafen in einem Zimmer mit fünf weiteren Mädchen, die ich erst auf dem Vorbereitungsseminar für dieses Auslandsjahr kennengelernt habe, funktioniert erstaunlich problemlos und macht richtig Spaß. Wir sind inzwischen eine eingespielte Gruppe, in der sich jeder mit jedem versteht und die eine richtige Familie bildet. Eine Familie, mit der ich dieses Weihnachtsfest verbringen darf. Um ein bisschen Weihnachtsstimmung aufkommen zu lassen, haben wir unser Haus mit ein wenig Dekoration aufgehübscht und hören bereits seit dem ersten Dezember Weihnachtsmusik. Tatsächlich haben wir in einigen Läden Lametta und Christbaumkugeln neben Buddha-Statuen und Räucherstäbchen gefunden. Es ist dennoch schwer, in einem Land, in dem Weihnachten nicht gefeiert wird, das Gefühl aufkommen zu lassen, dass Weihnachten vor der Tür steht. Wir haben vor, einen kleinen Strauch in unserem Haus weihnachtlich zu dekorieren und unter diesen am Weihnachtsabend die Wichtelgeschenke, die jeder für einen anderen Freiwilligen besorgt hat, zu legen. Ich bin mir sicher, dass dieses Weihnachten völlig anders ablaufen wird als alle meine 18 Weihnachtsfeste zuvor und dennoch freue ich mich darauf – wie all die 18 Jahre bisher auch.

Ich wünsche meiner Familie, meinen Freunden und allen Lesern ein wunderschönes und besinnliches Weihnachtsfest und hoffe für euch auf ein weißes Weihnachten.

 

Liebe Grüße aus Kambodscha

Fanny Keller

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