Weihnachtsgrüße

Zu Weihnachten gibt es Spargel

24.12.2019 05:30, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Lea Hofmann ist fasziniert von Chile – Von der Freundlichkeit der Menschen ebenso wie von der Landschaft

Sieben Jahre nach meinen letzten Grüßen aus aller Welt werde ich auch dieses Weihnachten nicht mit meiner Familie verbringen können, da ich sprichwörtlich am Ende der Welt bin. Dieses Weihnachten werde ich in einem Land der Extreme verbringen, nämlich in Chile. Mit 4200 Kilometer Länge, aber dabei durchschnittlich weniger als 200 Kilometer Breite, ist Chile eines der Länder, in denen man Jahre verbringen kann, um sie vollständig zu erkunden.

Leider habe ich keine Jahre, sondern nur ein Semester: Ich verbringe nämlich seit September mein Auslandssemester hier in der Mitte Chiles, in Concepcion. Die Woche bevor ich mein Semester hier anfing konnte ich in Santiago de Chile verbringen und habe sehr schnell gemerkt, dass hier einiges ganz anders ist als zu Hause. Obst und Gemüse kauft man am besten auf der Straße an kleinen Marktständen, die überall verteilt sind. Alles ist unglaublich lebendig und aktiv.

Ein wenig naiv bin ich auch mit sehr wenig Spanisch in Santiago angekommen und musste schnell feststellen, dass man mit Englisch hier nicht so weit kommt. Nach ein paar Monaten in Chile kann ich sagen, dass sich mein Spanisch auf jeden Fall verbessert hat, aber bin mir nicht sicher, ob ich es in anderen Teilen der Welt anwenden kann. Das chilenische Spanisch ist auch nach Aussagen der Chilenen einfach anders ist als das Spanisch der restlichen Welt. So fügen die Chilenen zum Beispiel hinter ihr „Sí“ ein „Po“, um ihre Aussage zu bestätigen. Was bei uns „genau“ ist und nicht einfach „Ja“ ist hier „Sí Po“. Aber „Po“ wird nicht nur bei „Sí“, sondern auch hinter „no“ oder einfach so verwendet als einzelne Phrase. Außerdem sprechen die Chilenen unglaublich schnell, was das Verständnis noch schwieriger macht.

Da ist es manchmal ganz angenehm, sich mit den anderen Austauschstudenten aus Mexiko, Kolumbien oder Spanien zu unterhalten, da diese oft etwas langsamer reden. Nichtsdestotrotz sind die Chilenen unglaublich hilfsbereit und freundlich. Manchmal geht die Kommunikation zwar nur mit Händen und Füßen, aber es funktioniert immer irgendwie.

In den ersten paar Wochen hier habe ich auch schnell gemerkt, dass da noch ein paar andere Sachen nicht so sind, wie ich sie gewohnt bin. So haben zum Beispiel die Magnolien und Frühblüher Anfang September angefangen zu blühen. Schon komisch, wenn man aus dem Sommer kommt. Hier ist vieles anders, auch die Jahreszeiten. Das konnte ich aber ausnutzen und hatte die Möglichkeit, auf der längsten Skipiste Lateinamerikas Ski zu fahren und das in den Anden! Das war auf jeden Fall ein Erlebnis, vor allem da wir den letzten Teil hochwandern mussten, um zum Ausgangspunkt der Piste zu kommen.

Eine Landschaft wie im Nationalpark Torres del Paine hatte Lea Hofmann davor noch selten gesehen.
Eine Landschaft wie im Nationalpark Torres del Paine hatte Lea Hofmann davor noch selten gesehen.

Das war aber leider auch der letzte Schnee, den ich dieses Jahr sehen werde, denn es wird immer wärmer und um an Weihnachten Schnee zu bekommen, müsste ich in den Süden und dann ganz hoch auf die Berge. Das ist mir dann doch ein wenig zu weit. Da bleib ich lieber hier in Concepción.

Es wird auch liebevoll Trope-Conce genannt, da es unglaublich tropisches, schwülwarmes Wetter gibt im „Sommer“, also um Weihnachten rum.

Aber einen Vorteil hat es: die Spargel-, Erdbeer- und Kirschzeit hat jetzt begonnen.

Vielleicht mache ich ja Spargel zu Weihnachten, da hätte ich nichts dagegen.

Meine Idee, nach Chile ins Auslandssemester zu gehen, hat sich schon relativ früh in meinem Studium entwickelt, da in Lateinamerika ganz andere Themen im Fokus stehen als bei uns. Chile gilt bei uns in Europa immer als sicher und stabil im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Ländern, das war zumindest das, was ich gedacht habe als ich hierher aufgebrochen bin. Ein sicheres, stabiles Land zum Einstieg, um Lateinamerika und dessen Kultur und Leute kennenzulernen, hörte sich für mich wundervoll an.

Leider habe ich nach ein paar Wochen rausgefunden, dass nicht alles so großartig ist wie es scheint. Auf dem Papier ist Chile zwar im Vergleich zu anderen Ländern in Lateinamerika stabil und sicher, es gibt aber auch viele soziale Ungerechtigkeiten und Unruhen, von denen man von außen kaum etwas mitbekommt.

Seit Jahren kommt es zu Streiks im ganzen Land, um die Lebenssituation für Chilenen etwas zu verbessern. Mein Semester hat wegen Streiks im letzten Semester schon eineinhalb Monate später begonnen als geplant, aber da habe ich mir nichts dabei gedacht.

Seit Anfang Oktober habe ich dann selbst mitbekommen, was es bedeutet, wenn Chilenen streiken und für ihre Rechte auf die Straße gehen. Wegen einer vermeintlich geringen Fahrpreiserhöhung der Metro in Santiago sind die größten und stärksten Streiks seit Beendigung der Diktatur in Chile aufgetreten. Die Preiserhöhung war dabei aber einfach nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Seit nun fast zwei Monaten gehen jeden Tag Hunderte von Menschen auf die Straße, um für ihre Rechte und eine Veränderung in der Politik zu streiken. Hauptsächlich sind die Streiks friedvoll und es ist unglaublich faszinierend, mit welch einer Passion Jung und Alt, Studenten, Angestellte und jeder, der kann, auf die Straße geht, um sich zu versammeln und für eine Veränderung kämpfen.

Manchmal kommt man in die Stadt und hat ein wenig WM-Feeling, da alle zusammentreffen, Musik gespielt wird, Cueca getanzt wird (der traditionell chilenische Tanz) und alle mit Schildern und Parolen durch die Straßen laufen. Am beliebtesten ist es hier, sich eine kleine Pfanne zu nehmen und darauf zu klopfen und sich somit eine Stimme zu verschaffen. Anfangs war es trotzdem etwas schockierend für mich, da es leider auch immer zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit dem Militär und der Polizei kommt. Es gab bei Auseinandersetzungen schon mehrere Tote und viele Verletzte in Santiago, aber auch Verletzte in Conce, was die Weihnachtsstimmung ein wenig dämpft.

Seit Anfang Oktober streiken auch die Studenten meiner Universität, was mein Auslandssemester ein wenig verkürzt. Zu unserem Glück und dank des Engagements unserer Uni können wir Austauschstudenten das Semester jetzt seit Anfang Dezember ohne unsere chilenischen Kommilitonen beenden, da ein Ende der Streiks nicht in Sicht ist.

Das hat aber auch zur Folge, dass ich nicht wie geplant Mitte Januar mit meinem Semester fertig bin, sondern schon kurz vor Weihnachten. Das gibt mir mehr Zeit zum Reisen, da ich erst Mitte Februar zurückfliegen werde und bis dahin Chile, Peru, Argentinien und Bolivien unsicher machen werde.

Nichtsdestotrotz ist die Situation hier etwas, das wir in Deutschland nicht zu sehen bekommen. Es lässt mich immer mehr schätzen, was wir haben und wie privilegiert wir doch eigentlich sind.

Natürlich habe ich die letzten Wochen nicht nur in meiner WG in Concepción verbracht, sondern habe die Zeit genutzt, um etwas von Chile und Argentinien zu sehen. Da wir nie wussten, wann und ob das Semester weitergeht, konnte ich keine langen Reisen machen, aber Wochenreisen und Ausflüge waren möglich. So war ich unter anderem am Ende der Welt mit einer chilenischen Freundin in Punta Arenas und im Nationalpark Torres del Paine. Ich habe noch selten so eine schöne Landschaft gesehen – und Pinguine! Wilde Pinguine und Flamingos, das war wahrscheinlich der Höhepunkt meines Trips in den Süden. Da spürt man die Kälte und den unablässigen Wind schon gar nicht mehr so stark. Außerdem haben wir unseren ersten Gletscher gesehen und den Klimawandel hautnah miterleben können.

Chile ist ein unglaublich faszinierendes Land, angefangen bei der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen bis hin zu der absolut atemberaubenden Landschaft. Die Wanderungen, die wir im Torres del Paine gemacht haben, werde ich nie wieder vergessen. Erinnerungen, die ich hier mache, und die Freundschaften, die ich schließen kann, werden für immer bleiben, und ich kann kaum erwarten noch viele weitere zu machen, bis ich wieder heimfliege.

Knapp die Hälfte meiner Zeit hier ist vorbei. Es ist unglaublich, wie die Zeit rennt, wenn man so viele neue Eindrücke hat. Meine Weihnachtsstimmung ist leider noch nicht ganz da, da Weihnachtsmärkte und die Kälte dann doch irgendwo fehlen. Dennoch kann man so langsam sehen, wie sich auch Chile in Weihnachtsstimmung schmückt. Zum Beispiel habe ich in einem Supermarkt Pfeffernüsse und Lebkuchen gefunden, da war die Weihnachtsstimmung schon gleich wieder stärker. Anstatt Weihnachtsliedern hört man hier eher mehr Reggaeton, denn der Sommer kommt.

Meine Familie und Freunde werden mir in der Weihnachtszeit ganz besonders fehlen. Ob ich meine Weihnachten am Strand verbringen werde, mit den anderen Austauschstudenten in Concepcion oder noch mal einen anderen Teil dieses wunderschönem Landes bereise, steht noch nicht fest. Aber was auch immer es sein wird, es wird eine neue Erfahrung sein, die mir niemand mehr nehmen kann. Und: Mir wird mir Sicherheit nicht kalt! Ich bin gespannt, das chilenische Weihnachten kennenzulernen und kann es kaum erwarten. Abschließend ist eigentlich nur eines wichtig, nämlich dass alle ein schönes, sicheres und friedliches Weihnachtsfest haben.

So sende ich meine Weihnachtsgrüße aus dem immer wärmer werdenden Chile nach Nürtingen zu meiner Familie, Freunden und allen Nürtingern, aber auch zu meinem kleinen Bruder Lars in die USA, wo er sein Highschool-Jahr macht.

Dieses Jahr werde ich feliz Navidad nicht nur in Weihnachtsliedern hören, sondern es auch wünschen können und darum: ¡Una feliz Navidad en paz y un excelente inicio del nuevo año! Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr an alle!

Lea Hofmann

Weihnachtsgrüße aus aller Welt

Weitere Weihnachtsgrüße Alle Weihnachtsgrüße