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Weihnachtsgrüße

Wo indisches Essen auf ungarische Traditionen trifft

24.12.2021 05:30, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Kim Fischer feiert ihr erstes Weihnachten fern der Heimat und der Familie bei Pittsburgh in den USA – Ihre amerikanische Gastfamilie hat indische und ungarische Wurzeln

Multikulti erlebt Kim Fischer gerade während ihres Aufenthalts in den USA mit einer indisch-Stämmigen Gastmutter und einem Gastvater, dessen Wurzeln in Ungarn liegen.
Multikulti erlebt Kim Fischer gerade während ihres Aufenthalts in den USA mit einer indisch-Stämmigen Gastmutter und einem Gastvater, dessen Wurzeln in Ungarn liegen.

Das erste, das meine Verwandtschaft zu mir sagte als sie erfahren haben, dass ich ins Ausland gehe war: „Kimi, dann musst du an Weihnachten auf jeden Fall einen Bericht schreiben.“

Liebe Familie, wenn ihr das hier an Heiligabend lest, habe ich es tatsächlich geschafft in der stressigen Vorweihnachtszeit, neben all den Vorbereitungen und dem jährlichen Klausurenstress in der Schule, einen Bericht zu verfassen und diesen einzureichen. Hier also mein Bericht, genießt ihn! Zugegebenermaßen bin ich doch auch schon ein bisschen stolz darauf, dass ich es geschafft habe, all meine Erlebnisse der letzten fünf Monate in Worte zu fassen sowie Grüße und liebe Worte an meine Familie und Freunde 4000 Meilen weit weg von meinem neuen Zuhause zu schicken.

Die „Weihnachtsgrüße aus aller Welt“ am Morgen des Heiligabends zu lesen, war auch für mich jedes Jahr ein Highlight und etwas worauf ich mich immer besonders gefreut habe.

Für alle, die das hier lesen und nicht wissen wer oder wo ich bin, hier eine kurze Vorstellung meinerseits: Ich bin Kim Fischer, 17 Jahre alt und habe meine bisherigen Weihnachten in Oberboihingen verbracht. Dieses Jahr habe ich die Chance durch das Parlamentarische Patenschaftsprogramm, mein erstes Weihnachten weit weg von zu Hause zu verbringen.

Das Programm ist in Zusammenarbeit vom Bundestag und dem amerikanischen Kongress entstanden und vergibt jährlich Stipendien. Damit werden für einen einjährigen Schüleraustausch deutsche Schüler in die USA und amerikanische Schüler nach Deutschland geschickt. An dieser Stelle möchte ich auch noch einmal einen Dank an meine Bundestagsabgeordnete, Renata Alt von der FDP, schicken, die mir dieses Jahr durch ihre Auswahl ermöglicht hat.

Ein (Schul-)Jahr in den USA zu verbringen war schon immer ein Traum für mich und ich bin sehr glücklich jetzt – nach all den Lockdowns und dem Pandemie-Stress – einen kleinen Tapetenwechsel zu haben. Genauer gesagt werde ich Weihnachten hier mit meiner amerikanischen Familie in Gibsonia, im US Bundesstaat Pennsylvania, feiern. Gibsonia ist eine kleine Vorstadt von Pittsburgh und ich lebe hier mit meiner Gastmutter aus Indien (42), meinem Gastvater aus Ungarn (47) und meinen zwei Gastschwestern (9 und 11). Gemeinsam haben wir schon viel erlebt. In meiner ersten Woche hier in Amerika ging es für uns alle zusammen nach Montana, um die Naturwunder im nahe gelegenen Yellowstone National Park zu bewundern. Neben Bisons, Kojoten, Geysiren und heißen Quellen, Wandertouren, Wolf Tracking und gemeinsamen Spieleabenden hatte ich dadurch auch die Chance in der Familie anzukommen und alle besser kennenzulernen. Ende August ging es dann für mich auch schon mit Schule und Volleyball los. Vor allem den Schulsport an einer amerikanischen Highschool ausüben zu können, genieße ich sehr. Ja, ich kann sogar sagen, dass das Team und das damit verbundene Erlebnis das Beste war, was mir hätte passieren können. Teil eines Sportteams an einer Highschool zu sein, ist hier mit vielen Verpflichtungen und großem Engagement verbunden. In meinem Fall heißt das, Tryouts, drei Stunden Training früh morgens in den Ferien oder nach der Schule, „Teambonding“ oder Turniere am Wochenende und während der Saison wöchentlich jeden Dienstag und Donnerstag ein Spiel.

Zum anderen werden dadurch die meisten Sportarten aber auch auf einem höheren Level ausgeübt, als ich es von Deutschland gewohnt war. Was mir aber auch die Chance gab, mein Volleyballspiel zu verbessern, und den Sport auf eine ganz andere Art und Weise kennen- und lieben zu lernen. Meinem Coach bin ich dafür besonders dankbar. Sie hat mir diese besondere Chance überhaupt erst ermöglicht. Sie ist mir bei allem Akademischem und Sportlichem super zur Seite gestanden und hat mir so gut wie möglich geholfen – sei es mit der anderen Sprache, dem Volleyball oder dem Heimweh. Diese Zeit war für mich natürlich turbulent und sehr intensiv. Trotz allem hab ich es aber sehr genossen. Durch die gemeinsame Zeit und die vielen schönen Momente entstand ein unglaublich enges Band mit meinen Teamkameradinnen und meinen Coaches. Vonseiten des Teams wird das hier immer als „Sisterhood“ bezeichnet.

Dieses Jahr hat es mein Team sogar in die Playoffs für State Championships geschafft. Umso trauriger war ich, als wir unser Playoff-Game verloren haben und damit die Saison für uns Ende Oktober beendet war. Um weiterhin beschäftigt zu bleiben, bin ich daher für die Wintersaison dem Schwimmteam beigetreten. Auch hier haben wir viele Teamaktivitäten, täglich Training nach der Schule und wenn ihr das hier lest, ist die Saison auch schon gestartet.

Neben Volleyball und Schwimmen habe ich hier aber auch andere, für mich neue Sportarten kennengelernt. Der ein oder andere kann es sich vielleicht auch denken: Natürlich spreche ich über American Football. Jede Schule hat hier ein eigenes Team und die Footballspiele an meiner Schule sind immer Großevents. Cheerleader, Schulband und Nationalhymne inklusive. Für die Spiele gibt es meistens immer einen Dresscode und sogenannte „Pep-Rallies“ , bei denen sich vorher die ganze Schule trifft und gemeinsam die verschiedenen „Cheers“ für die Spiele übt. Neben Weihnachten durfte ich hier schon andere traditionell amerikanische Feiertage erleben, wie zum Beispiel Halloween oder Thanksgiving. Vor allem Thanksgiving hat mir gut gefallen, auch wenn wir, um ehrlich zu sein, ein doch nicht so ganz traditionell amerikanisches Thanksgiving hatten, wie der ein oder andere jetzt vielleicht erwartet.

Der Truthahn wurde durch vegetarischen Hackbraten ersetzt, da sich meine Gastfamilie durch mich fast ausschließlich vegetarisch ernährt. Dazu kommt, dass meine Gastmutter in Indien geboren wurde und mein Gastvater aus Ungarn stammt, was die Auswahl an Essen sehr international gemacht hat. Nachdem wir mehrere Stunden in der Küche standen, um das ganze Essen vorzubereiten, kam am Abend die Verwandtschaft zu Besuch. Wir haben dann zusammen das gute Essen und die Gesellschaft genossen.

Allgemein kann ich sagen, dass ich mich hier weniger ungesund ernähre, als das ein oder andere Klischee behauptet. Durch die indische Herkunft meiner Gastmutter werde ich hier bestens mit täglich frisch gekochten, hauptsächlich indischen aber auch amerikanischen und ungarischen Speisen versorgt.

Durch die Herkunft meiner Gastmutter habe ich Anfang November gemeinsam mit meiner Gastfamilie Diwali gefeiert, das indische Fest der Lichter. Dazu haben wir Kerzen angezündet, das Haus dekoriert und gemeinsam eine kleine Zeremonie durchgeführt. Danach gab es eine Fülle an indischen Speisen. Was mir besonders gut gefallen hat, ist dass ich die Ehre hatte für Diwali einen Sari von meiner Gastmutter anzuziehen. Weihnachten werde ich dieses Jahr hier in den USA mit meiner Gastfamilie verbringen, auch wenn mein Weihnachten durch meinen Gastvater eher europäisch geprägt sein wird. Dadurch dass mein Gastvater aus Ungarn stammt, werden wir Weihnachten am 24. Dezember feiern. Das ist für Amerikaner unüblich, da die meisten hier ihre Geschenke am Morgen des 25. Dezembers aufmachen. Am 23. Dezember werden wir alle gemeinsam ins Musical gehen und dann am 24. den Heiligabend gemeinsam als Familie verbringen. Dafür laufen die Vorbereitungen auch schon auf Hochtouren. Der Weihnachtsbaum wurde nach Thanksgiving aufgestellt und jeder macht sich Gedanken über die Geschenke, das Menü wird natürlich heiß diskutiert und gemeinsam mit meinen Gastschwestern haben wir einen Brief an Santa geschrieben. Die ersten deutschen Weihnachtsplätzchen habe ich natürlich auch schon gebacken, wobei sich die hier nicht wirklich lang gehalten haben. Gemeinsam mit meiner Gastmutter habe ich auch einen Adventskranz selber gemacht und von meiner Familie zu Hause in Deutschland haben meine Gastschwestern und ich Adventskalender bekommen, eine Tradition, die hier in den USA unüblich ist. So, jetzt aber genug von mir. Ich wünsche allen Lesern, die bis zum Ende dran geblieben sind, ein ganz tolles, abwechslungsreiches und erholsames Weihnachtsfest. Genießen Sie die Zeit mit Freunden und Familie. Und nun zu euch, liebe Familie: Ich möchte euch jetzt auch einfach mal Danke sagen. Danke für all die Unterstützung, die ihr mir auch mehrere tausend Meilen entfernt gebt, danke dass ihr an mich geglaubt habt und mich ermutigt habt, ins Ausland zu gehen, danke für die lieben Nachrichten und Päckchen, die mich erreicht haben. Eine Nachricht von zu Hause zaubert mir wirklich immer ein Lächeln aufs Gesicht. Habt ein schönes Weihnachtsfest! Ich habe euch lieb,

eure Kim Fischer

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