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Weiße Weihnacht auf dem Balkan

24.12.2019 05:30, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Marlene Fritz ist gespannt auf ihr internationales Weihnachtsfest in Bulgarien

Marlene Fritz sorgt in Bulgarien für „informelle Bildung“.
Marlene Fritz sorgt in Bulgarien für „informelle Bildung“.

Bereits bei meiner Ankunft in Bulgarien im September wurde mir meterhoher Schnee von Dezember bis März versprochen. Nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass sich Raslog, eine kleine Provinzstadt und meine Einsatzstelle des Freiwilligendienstes des Europäischen Solidaritätskorps, mitten in den Bergen befindet mit dem Rilagebirge im Norden, den Rhodopen im Westen und dem Piringebirge im Süden.

Das Europäische Solidaritätskorps ist eine Initiative der Europäischen Union, die Freiwilligendienste und Beschäftigungsprojekte ermöglicht. Mein Freiwilligendienst hat das Ziel „non-formal education“ (zu Deutsch „informelle Bildung“) der lokalen Gemeinde. Dafür gehe ich mit den anderen Freiwilligen in eine Grundschule, in einen Kindergarten, in ein Waisenheim und in ein Heim für Behinderte. Außerdem gebe ich Deutsch- und Englischunterricht und biete Workshops zum Thema Public Speaking an.

Der kalte Winter kündigt sich seit Anfang November vor allem auf den Spitzen des Piringebirges an. Von meinem Balkon aus sehe ich den Schnee auf den steinigen Gipfeln immer weiter ins Tal kommen. Die Einheimischen bereiten sich gut auf die Kälte vor und hacken auf den Straßen ihr Holz. Die Vorbereitung laufen auch im nahe gelegenen Skigebiet Bansko auf Hochtouren, wo sich Vier- und Fünf-Sterne-Hotels aneinanderreihen. Im September sah es dort noch aus wie in einer Geisterstadt, inzwischen herrscht jedoch Trubel in dem Winterferienort, der sich nur durch die kyrillische Schrift von einem Wintersportzentrum in den Alpen unterscheidet.

Trotz der Kälte fiel es mir schwer, in die Weihnachtsstimmung zu kommen. Noch ist das Wetter vor allem nass und grau, und eigentlich kann ich auch noch nicht wirklich glauben, dass ich schon drei Monate hier bin und Weihnachten vor der Tür steht. So langsam werden Lichterketten und andere Weihnachtsdekoration in der Stadt aufgehängt, manche wurden im letzten Jahr gar nicht erst abgehängt.

Der einzige richtige Hinweis auf die Jahreszeit befindet sich im örtlichen Supermarkt, einem Lidl. Wie in Deutschland dieses Jahr vermutlich auch, wird hier seit Anfang November Weihnachtsgebäck verkauft. Da die Eigenmarke in Bulgarien natürlich dieselbe ist, fühle ich mich im Supermarkt fast wie in Deutschland. Hier werden die gleichen Lebkuchen, die gleichen Zimtsterne und der gleiche Spekulatius verkauft.

Zuerst hat es mich traurig gemacht, die deutsche Vorweihnachtszeit zu verpassen, aber dann kam mir die Idee, eine Weihnachtsfeier bei uns im Büro zu organisieren. So habe ich alles, was ich an Deutschland vermisse, auch hier. Sogar mehr, denn in der Organisation, in der ich arbeite, gibt es noch zehn weitere Freiwillige aus Spanien, Portugal, Italien und der Türkei. Wir machen also eine internationale Weihnachtsfeier, zu der jeder traditionelles Weihnachtsessen aus seinem Land mitbringt. Die einheimischen Jugendlichen und Erwachsenen, denen wir Workshops und Sprachkurse anbieten, sind auch eingeladen. Sie haben uns bereits an anderen Kulturabenden bulgarisches Essen gekocht und bulgarische Tänze beigebracht. So bekomme ich nicht nur einen Einblick in das bulgarische Weihnachten, sondern auch in das anderer europäischer Länder. Da Bulgarien ein weitestgehend christliches Land mit eigener orthodoxer Kirche ist, unterscheidet sich das bulgarische Weihnachten nicht großartig von unserem. Das Weihnachtsessen in der Familie findet bei ihnen an Heiligabend statt. Das Besondere daran ist, dass nur eine ungerade Zahl an Gängen zubereitet werden darf, meistens fünf oder sieben, und dass es der letzte Tag der Fastenzeit ist, also kein Fleisch auf den Tisch kommt.

Früher sind Männer und Frauen in Trachten am ersten Weihnachtstag von Tür zu Tür gegangen, haben gesungen und im Gegenzug ringförmiges Gebäck geschenkt bekommen, das sie auf einem langen Stock transportiert haben. Dieser Brauch ist heutzutage jedoch nicht mehr üblich, nur noch in kleinen Dörfern und bei der Romabevölkerung, die zusätzlich um Geld bitten. Inzwischen bin ich ein Drittel meines neun-monatigen Aufenthaltes hier und wenn ich auf die letzten drei ereignisreichen Monate zurückschaue, freue ich mich auf die nächsten sechs.

Bulgarien ist ein wunderschönes Land mit atemberaubender Landschaft vom Schwarzen Meer bis zu den höchsten Bergen auf der Balkan-Halbinsel und einer wirklich gastfreundlichen Bevölkerung. Besonders gespannt bin ich auf das Tal der Rosen, wenn es Anfang Juni in seiner ganzen Pracht erblüht und die nahe gelegenen thrakischen Grabstätten. Jetzt erwarte ich aber erst mal den versprochenen Schnee.

Marlene Fritz

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