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Weihnachtsgrüße

Trotz milder Temperaturen fehlen Kunstschnee, Eisbären und Rentiere nirgends

24.12.2012 00:00, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Nicolai Göring verbringt Weihnachten mit einem mexikanischen Kollegen und dessen Familie – Das heimatliche Weihnachten beobachtet er aus der Ferne per Skype

Seit eineinhalb Jahren bin ich nun schon in Mexiko. Nachdem ich vor zweieinhalb Jahren mein Maschinenbaustudium in Reutlingen mit Bachelorarbeit bei der Firma Heller abgeschlossen hatte, bot sich mir die Chance, bei einem mexikanischen Automobilzulieferer zu arbeiten. Die Firma, bei der ich jetzt angestellt bin, arbeitet für große namhafte Automobilhersteller. Wir gießen und bearbeiten spanabhebend Aluminiumteile, wie beispielsweise Motordeckel und Ölwannen.

Mir gefällt die Arbeit in Mexiko gut, ich komme gut mit den Kollegen zurecht und habe den Schritt noch nie bereut!

Aber Mexiko ist ein Land, das auch abseits der Arbeit unglaublich viel zu bieten hat. Ich habe in diesem November und im Herbst vergangen Jahres jeweils eine Woche die mexikanische Karibik bereist. Neben traumhaften Stränden und freundlichen Menschen findet man dort beeindruckende Monumente der vorkolumbianischen Kultur. So viel Urlaub ist für mexikanische Angestellte etwas Außergewöhnliches: Bei zwölf Urlaubstagen (zwei Arbeitswochen) pro Jahr (Samstag ist ein Arbeitstag) muss man sich schon genau überlegen, wo man hinreist, wenn man mal Urlaub macht. Und ich bin mit meinem Urlaub noch gut bedient! Die mexikanischen Kollegen bekommen in ihrem ersten Anstellungsjahr bei einem neuen Arbeitgeber sage und schreibe „0“ Tage Urlaub! Im zweiten Jahr zwei Tage und so weiter (mit Deckelung bei etwa 15). Leider bleibt aufgrund dieser Arbeitsmodalitäten nicht so viel Zeit zum Herumreisen, wie man eigentlich gern möchte.

Mein erstes Jahr in Mexiko habe ich zur Einarbeitung, zum Spanischlernen und so weiter in einer Niederlassung in Toluca im Großraum Mexico City verbracht. Toluca ist ungefähr so groß wie Stuttgart, liegt auf 2700 Metern Höhe und ist von der Industrie geprägt. Die Gegend ist klimatisch gesehen gar nicht so sehr anders als Süddeutschland: Im Sommer gibt es Temperaturen um 30 Grad und im Winter selten unter minus fünf. Aber insgesamt ist das Wetter doch beständiger als in Deutschland. Allerdings fällt der meiste Regen im Sommer. Da es in Mexico keine Regenwasserkanalisation gibt und die Straßen wegen der manchmal falltürgroßen Schlaglöcher tückisch sind, werden Autofahrten dann gelegentlich zum Abenteuer der besonderen Art. Trübes braunes Wasser, das bis zur Einstiegskante des Autos reicht, ist keine Seltenheit. Da sollte man keinen Grund haben, aussteigen zu müssen!

Aber das sind kleine Erfahrungen, die das Leben bereichern und die einem vermitteln, wie schön und ordentlich die Welt doch in der Heimat ist.

Der Hausberg von Toluca ist der Nevado, ein erloschener Vulkan (4680 Meter), ein beliebtes Ausflugsziel. Bis auf über 4000 Meter kann man mit dem Auto fahren, da wird das Bergsteigen auch für unsportlichere Zeitgenossen möglich. Auf diesem Vulkan kann es vorkommen, dass es im Winter auch mal schneit und dann hat man das Gefühl, dass ganz Mexiko sich auf diesem Berg tummelt. Das erfreut Geist und Seele, zuzusehen, wenn sich gestandene erwachsene Männer mit Jauchzen auf Autofußmatten die vereisten Anhänge hinunterstürzen, ungeachtet dessen, dass der Schnee unten in einer Steinrinne endet. Trotz der relativ knappen Freizeit habe ich doch mit mexikanischen und deutschen Kollegen den Großraum um Mexico City, in dem es Sehenswürdigkeiten en masse gibt, sowohl aus der vorkolumbianischen Zeit als auch aus der Kolonialzeit, intensiv erkundet. Ich weiß nicht, ob es noch ein Land gibt, in dem so viele Stätten des UNESCO-Weltkulturerbes sind.

Auch die Landschaft ist faszinierend: man kann stundenlang mit dem Auto fahren und zum Beispiel riesige Kakteenwälder bewundern, ohne auf eine menschliche Siedlung zu stoßen.

Die mexikanischen Kollegen erlebe ich als freundlich und zugänglich, man wird oft zu gemeinsamen Unternehmungen eingeladen, sogar zu Familienfesten, wie etwa Hochzeiten.

Für mich etwas ganz Neues waren die Erdbeben, die die Region um Mexico City im Frühjahr erschüttert haben. Die Mexikaner gehen ganz cool damit um, wenn plötzlich alles schwankt und die Wagen mit den fertigen Produkten wie durch Geisterhand bewegt durch die Hallen fahren, und witzeln, dass mal wieder die Maya für den nahenden Weltuntergang am 21. Dezember proben.

Inzwischen arbeite ich in unserem Werk in Chihuahua, drei Autostunden von der Grenze zur USA entfernt. Chihuahua ist mit 670 000 Einwohnern das Handels- und Verkehrszentrum im Nordwesten Mexikos. Die Nähe zur USA befördert leider nicht nur den Handel insgesamt, sondern auch den Drogenhandel, und in Chihuahua gilt besonders, dass man manche Orte meiden muss und auch nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit unterwegs sein sollte.

Die Gegend hier ist heiß und trocken, im Winter kann es aber auch mal empfindlich kalt werden. In der Nähe befindet sich der berühmte und beeindruckende Kupfer-Canyon, den ich mir auch schon angeschaut habe.

Und nun beobachte ich, wie es langsam anfängt zu weihnachten: Die Läden und Shopping-Malls werden eifrig geschmückt, möglichst groß und bunt ist wichtig, nordische Elemente wie Kunstschnee, Eisbären, Rentiere und natürlich der Weihnachtsmann dürfen nicht fehlen. Es gibt auch Nordmann-Tannen zu kaufen, aber die Temperatur will tagsüber einfach nicht unter 20 Grad fallen und es scheint praktisch immer die Sonne. Da fällt es einem schwer zu glauben, dass schon Weihnachten naht!

Ein Glück, dass ich mir von meinem Heimaturlaub im Herbst einen original Dresdner Christstollen mitgebracht habe; das hat mich bei der Einreise am Zoll zwar etwas in Verlegenheit gebracht, aber die mexikanischen Beamten verstehen es, auch mal ein Auge zuzudrücken. Vergangenes Jahr habe ich die Kosten nicht gescheut, um an Weihnachten nach Hause zu fliegen, aber dieses Jahr werde ich Weihnachten mit einem mexikanischen Kollegen und dessen Familie verbringen, um zu erleben, wie hier Weihnachten gefeiert wird.

Deshalb werde ich das heimatliche Weihnachten aus der Ferne per Skype beobachten und wünsche auf diesem Wege allen Verwandten, Freunden, ehemaligen Arbeitskollegen und allen Lesern ein frohes Weihnachtsfest und alles Gute für das neue Jahr.

 

Nicolai Göring

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