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Weihnachtsgrüße

Traditionen mit-teilen und mit-einander erleben

24.12.2021 05:30, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Monika Kozakowski lebt seit fast 30 Jahren in einem kleinen Ort südlich von Seattle – Trotzdem ist es ihr gelungen, deutsche Traditionen auch in der neuen Heimat zu bewahren

„The Kozakowski Family“ bei einem Besuch des Pike’s Place Market in Seattle: Kevin, Mark, Monika und Erik (von links)
„The Kozakowski Family“ bei einem Besuch des Pike’s Place Market in Seattle: Kevin, Mark, Monika und Erik (von links)

„Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben!“ – so lautet das vertraute Sprichwort. 1989 machte ich mich auf die Reise von Oberboihingen nach Niger in Westafrika, um dort als Hebamme zu arbeiten. Viele aus meiner alten Heimat haben mich in dieser Arbeit über CFI (Christliche Fachkräfte International in Stuttgart, jetzt Co-Workers) mitgetragen. Wer hätte damals gedacht, dass mich diese Reise nicht nur auf den Kontinent Afrika, sondern auch nach Amerika führen wird?

Im Niger lernte ich meinen Mann Mark kennen, der zu einem Kurzzeiteinsatz aus den USA dort war. Im darauffolgenden Jahr haben wir in Oberboihingen geheiratet und leben nun seit 1992 in einem kleineren Ort südlich von Seattle.

Wir waren später nochmals als Familie im Niger: einmal für drei Jahre und dann noch mal für zwei Jahre. Aber hier im Nordwesten Amerikas haben wir unsere Wurzeln geschlagen. Mein Mann arbeitet seit unserer Heirat als Arzt in einem städtischen Indianerreservat. Unsere Jungs sind inzwischen erwachsen. Kevin studiert Medizin im Bundesstaat Iowa, und Erik ist seit letztem Jahr verheiratet und lebt mit seiner Frau in Kalifornien. Ich arbeite Teilzeit in häuslicher Pflege und bin daran, einen zweijährigen Kurs in seelsorgerlicher Begleitung abzuschließen.

Ja, wie erlebe ich hier die Advents- und Weihnachtszeit? Wie so oft entdeckt man in der Ferne Neues, das schön und interessant ist und vermisst zugleich auch Vertrautes. Die Weihnachtszeit beginnt hier in vielen Familien am Wochenende nach „Thanksgiving“ (das amerikanische Erntedankfest am letzten Donnerstag im November). Der darauffolgende Freitag ist „Black Friday“ – der Tag, an dem nach Schnäppchen gesucht wird und der Weihnachtseinkauf in Schwung kommen soll. An diesem Wochenende stellen viel Familien auch ihren Christbaum auf, dekorieren den Vorgarten und die Hausfassade mit oft bunten Lichterketten und die Radiosender spielen Weihnachtsstücke. Unser städtischer Zoo verwandelt sich nun am Abend zum „Zauberzoo“, dieses Jahr mit 800 000 Mini-Lichtern, die unter anderem in der Form von Tieren und anderen örtlichen Sehenswürdigkeiten in den Nachthimmel strahlen. Das Nussknacker-Ballett und Chöre laden zum weihnachtlichen Kulturgenuss in. Was hier nicht gang und gäbe ist, sind die schnuckeligen Weihnachtsmärkte mit Glühwein und Würsten; auch kreative Adventsgestecke und Adventskalender finden sich erst nach einigem Suchen; selbstgebastelte Strohsterne fand ich bisher noch gar nicht. Auch das Silvesterfeuerwerk steht, außer in Großstädten, sehr im Hintergrund, aber hat seinen Ehrenplatz am 4. Juli, dem amerikanischen Nationalfeiertag. Meine Familie feiert gerne Advent und wir laden dazu auch Freunde ein. Im Jahr vor Corona hatten wir an allen vier Sonntagen eine offene Tür für unsere Nachbarn zum adventlichen Kaffeenachmittag. Alle, die am Tisch saßen, genossen es einfach beieinander zu sein, sich etwas näher kennenzulernen und lebhaft Weihnachtserinnerungen auszutauschen. Die Tradition, in der Nachbarschaft zusammenzukommen versuchen wir zu pflegen. Dieses Jahr wird es einen Umtrunk auf der Terrasse unserer Nachbarn geben.

Für meine Familie beginnt das eigentliche Weihnachtsfest, wie in meiner Kindheit, mit dem Gottesdienstbesuch am Heiligen Abend, danach wird miteinander gegessen und im Anschluss ist die Bescherung. Doch die meisten unserer amerikanischen Freunde warten mit der Bescherung bis zum Morgen des 25. Dezember.

Diese Aussicht genießt Monika Kozakowski in ihrem Wohnort in den USA südlich von Seattle – manchmal auch mit einem solch großartigen Sonnenuntergang.
Diese Aussicht genießt Monika Kozakowski in ihrem Wohnort in den USA südlich von Seattle – manchmal auch mit einem solch großartigen Sonnenuntergang.

Die hübsch verpackten Geschenke sammeln sich nach und nach unter dem Christbaum (der ja dann schon vier Wochen steht), und oft sieht man im Wohnzimmer eines Hauses auch die übergroßen Strümpfe mit dem Namen jedes Familienmitglieds am Kamin hängen. Diese füllen sich im Dezember nach und nach mit Kleinigkeiten. Nach einem gemütlichen Frühstück am Weihnachtsmorgen geht es ans Geschenkeauspacken, gefolgt mit entspannten Stunden. Einen offiziellen zweiten Weihnachtsfeiertag gibt es nicht und ist für viele schon wieder ein Arbeitstag, oder die Zeit wird genützt, um den Baum und die Deko abzubauen. Nach guter deutscher Tradition steht unser Baum allerdings bis zum Erscheinungsfest. Unsere Pastorin beschenkt ihre Nachbarn an diesem Tag mit einem selbst gebackenen „Sternbrot“ (ein dreilagiger Zimt-Stern aus Hefeteig) im Gedenken an die Heiligen Drei Könige.

Für die meisten liegt die Weihnachtszeit am 6. Januar allerdings schon weit im Rückspiegel. Dann ist es jedoch umso schöner, mit einer Überraschung eine Freude machen zu können.

Wenn einer eine Reise tut . . . ist es bereichernd, Neues zu entdecken und wohltuend an manchem Vertrauten festzuhalten. Doch am schönsten ist es, wenn man neue und vertraute Traditionen „mit-teilen und mit-einander“ erleben kann!

In diesem Sinne wünsche ich meinen Eltern, Geschwistern, Verwandten, dem Jahrgang 1961/62 in Oberboihingen, meinen ehemaligen Mitschülern der Neckarrealschule, Freunden vom Kreiskrankenhaus Nürtingen und allen Lesern gesegnete und ruhevolle Feiertage und ein Happy New Year!

Monika Kozakowski (geborene Haußmann) und Familie

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