Weihnachtsgrüße

Im drittglücklichsten Land der Welt

23.12.2017, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Maren Lebsanft ist an Weihnachten am Strand von Cartagena, in Gedanken aber bestimmt auch in Unterensingen

Medellin hat es zum preisgekrönten Stadtentwicklungsprojekt geschafft.

„Die einzige Gefahr ist, dass du hierbleiben möchtest!“ Mit diesem Spruch wirbt Kolumbien für seine Tourismusbranche. Auch wenn das eventuell etwas übertrieben ist, das Bild in den Medien von einem Land, das nur aus Drogen, Guerillas und Kriminalität besteht, ist es auch. Ich mache hier seit August von der Universität Tübingen aus mein Auslandssemester in Internationaler BWL und werde noch bis Ende Februar Zeit haben, dieses wunderschöne und vielseitige Land zu entdecken.

Kolumbien hat viel zu bieten: hohe Berge, Wüsten, lebendige Städte. Maren Lebsanft ist begeistert von ihrer Wahlheimat.

Zugegeben, ein bisschen Angst hatte ich schon, auch davor, wie es sein wird, Weihnachten ohne meine Familie zu feiern. Aber ich mache hier so viele schöne Erfahrungen und lerne so unglaublich viel, dass das eine Weihnachtsfest es wert sein wird. Ich kann ja in Gedanken vom Strand in Cartagena trotzdem in Unterensingen sein.

Das Tollste an diesem Land sind seine Bewohner. Egal ob es der Taxifahrer ist, der ein Ingenieursstudium hinter sich hat, die arme Frau, die am Straßenrand frischen Saft verkauft, oder einer der neugierigen Studenten in der Uni, die kaum Englisch reden – alle sagen „Bienvenido a Colombia!“, willkommen in unserem Land. Sie sind unglaublich stolz auf ihr Land, dessen Kriminalitätsstatistik sich jedes Jahr verbessert, das von Wüste über schneebedeckte Berge und Regenwald alles hat und auf der Liste der artenreichsten Länder auf Platz zwei steht.

Gleichzeitig zeigen sie eine Gastfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft, dass man sie sofort ins Herz schließen muss. In meiner ersten Woche an der Uni habe ich eine Verkäuferin im Uni-Laden nach dem Raum gefragt, wo der Chor stattfindet und ihre Erklärung nicht verstanden, also hat sie kurzerhand den Leiter des Musikprogramms angerufen, damit er mich ans andere Ende des Campus begleitet. Unsere Touristenführerin in Medellin, eine Stadt, die es von der Drogenhauptstadt zum preisgekrönten Stadtentwicklungsprojekt geschafft hat, hat es uns so erklärt: Für viele Kolumbianer gab es in der Vergangenheit und gibt es immer noch Situationen, wo ihnen das Wasser bis zum Hals steht. Die große Fähigkeit ist es, in diesem Moment nicht zu verzweifeln, sondern den dünnen Ast zu packen, der sich einem entgegenstreckt und sich daran hochzuziehen. Und wenn du das geschafft hast, freust du dich mit deinen Mitmenschen, lachst, vergräbst die dunkle Erinnerung und fängst (wahrscheinlich) an, Salsa zu tanzen. Die Welthauptstadt dieses Tanzes ist Cali, die 2,4-Millionen-Einwohner-Stadt, in der ich wohne. Salsa ist genauso intensiv wie das Leben hier. An den Wochenenden hier bin ich einmal in die Tatacoa-Wüste gefahren, nach San Cipriano, einen Ort, den man nur auf improvisierten Schienenfahrzeugen erreicht und wo man dann zwei Stunden lang auf einem Gummiring einen unberührten Fluss hinunterdümpelt. Danach ging es nach Salento, dem Ort mit den höchsten Palmen der Welt. Wir haben eine Kaffee-Finca besucht, Kolibris gesehen und sind hinten auf einem Jeep stehend im Regen herumgefahren. Wir waren in Medellin, die Stadt mit der einzigen Metro Kolumbiens, auf die die Leute so gut Acht geben, dass man auf ihrem Boden essen könnte, so sauber ist es.

Und dabei habe ich die bekannten Städte des Landes wie Bogotá, Cartagena oder Barranquilla noch gar nicht gesehen. Natürlich muss man sich an einige Regeln halten, wie nachts nicht in bestimmten Vierteln auf der Straße sein, möglichst wenig Schmuck bei sich tragen und falls man überfallen wird, auf keinen Fall sich wehren. Man gewöhnt sich aber daran und bekommt auch ein Auge dafür, ob man in diesem oder jenem Viertel zum Bus laufen kann oder lieber ein Taxi nimmt. Die sind zum Glück sehr günstig hier, genauso wie die unzähligen Früchte, die ich hier kennen und lieben gelernt habe. An jeder Ecke bekommst du für umgerechnet 70 Cent einen frischen Saft aus Kokusnuss, Maracuja, Papaya, Guanábana, Orange oder Mango.

Besonders Lulo werde ich vermissen, eine Frucht, die man löffeln kann und so schmeckt, als hätte man eine Kiwi in eine Zitrone eingelegt. Zum Löffeln ist sie ein bisschen sauer, aber der Saft ist total erfrischend, besonders bei den Temperaturen hier.

Der Äquator läuft durch Kolumbien und dementsprechend gibt es kaum Jahreszeiten hier. Es wird immer um 19 Uhr innerhalb von 20 Minuten dunkel und zumindest in Cali hat es immer zwischen 22 und 35 Grad – auch nachts.

Die Temperaturen haben mit Sicherheit etwas mit der Tanzfreudigkeit in der Nacht und dem Temperament der Leute zu tun. Wenn ich die Kolumbianer frage, was sie von den Deutschen denken, sagen sie, wir seien wirtschaftlich erfolgreich und diszipliniert, aber auch kühl, verschlossen und ernst. Ich würde die Kolumbianer als herzlich, chaotisch, zufrieden, selbstlos und ein klein bisschen oberflächlich beschreiben. Aber zumindest von den positiven Seiten gucke ich mir fürs neue Jahr etwas ab. Das ist auch mein Weihnachtswunsch ins (hoffentlich) schneebedeckte Nürtingen: Ich wünsche allen die gleiche Fröhlichkeit und Zufriedenheit, die meine Zweitheimat, wo ein Drittel der Menschen unterhalb der Armutsgrenze lebt, auf den Platz des drittglücklichsten Landes weltweit gehoben hat.

In diesem Sinne frohe Weihnachten und liebe Grüße aus Cali!

 

Eure

Maren Lebsanft

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