Wendlingen

„Es war emotional überwältigend“

13.12.2017, Von Sylvia Gierlichs — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Der Köngener Verein Asha Varadhi ermöglichte einigen Paten, ihre Schützlinge in Südindien zu besuchen

Der Verein Asha Varadhi aus Köngen vermittelt seit 2004 Patenschaften nach Indien. Doch erstmals reiste nun eine Gruppe Paten in das südasiatische Land, um die von ihnen unterstützten Menschen zu treffen und sich die Projekte des Vereins anzusehen.

Sathishs Mutter mit einigen Verwandten vor dem bescheidenen Heim der Familie

KÖNGEN/YEMMIGANUR. Seit 2004 gibt es den Verein Asha Varadhi. Rainer Schmid hat ihn gegründet, weil er die Nöte und Sorgen der Menschen wenigstens in einem kleinen Teil des riesigen Subkontinents lindern wollte. Auf seiner jüngsten Reise begleiteten ihn vor Kurzem elf Paten, die teils schon seit vielen Jahren junge Menschen unterstützen und sich nun einmal selbst ein Bild von den Lebensbedingungen ihrer Schützlinge machen wollten.

Ein „Selfie“ muss sein: Ina Zangerle und ihr „Patenkind“ Satish Kumar, aus dem mittlerweile ein 21-jähriger junger Mann geworden ist. Fotos: privat

Ina Zangerle aus Nürtingen sucht nach Worten, um zu beschreiben, was sie empfand, als sie erstmals ihren Patensohn Sathish Kumar in Yemmiganur, einer Stadt im südindischen Bundesstaat Andhra Pradesh sah. „Berührend“, sagt sie, sei der Augenblick gewesen, als sie Sathish erstmals traf. „Man kommt nach einer langen Busfahrt verschwitzt und ermattet an und plötzlich ist der lang ersehnte Augenblick da. Und dann weiß man nicht: Soll ich ihn in den Arm nehmen? Schließlich ist er ein junger Mann und kein Kind mehr“, erzählt sie von den ersten Momenten der Begegnung.

Zehn Jahre unterstützt sie den heute 21-jährigen jungen Mann nun schon. Dank ihrer Hilfe konnte er eine Schule besuchen, die von katholischen Schwestern geleitet wird. Eine Privatschule also. Die Patenschaft deckt die Ausgaben für die Ausbildung, Schuluniform und Kleidung, Kost und Logis. So bekommen auch Kinder unterer Kasten die Chance, den Anschluss an moderne Zeiten und eine gute Stelle zu finden.

Wie bei allen Patenschaften war auch die von Ina und Sathish anfangs mühsam. Standardbriefe kamen aus Indien. „Wie geht es Dir, mir geht es gut, weit darüber hinaus reichte die Konversation nicht“, erzählt Zangerle, Doch im Zeitalter von Whatsapp ist der Austausch wesentlich besser. Fotos werden von einem zum anderen geschickt und der Austausch von Neuigkeiten zwischen Yemmiganur in Indien und Nürtingen in Deutschland ist leichter. Klar, Romane schreibt Sathish immer noch nicht, aber Zangerle hat das Gefühl, nun intensiver am Leben des jungen Mannes aus Indien teilhaben zu können.

Nach der Schule eine Bankausbildung

Und so erfuhr die Patin auch, dass ihr Patensohn an Thyphus erkrankt war. Natürlich hatten die Eltern kein Geld für eine Behandlung. Was also tun? Ina Zangerle wandte sich an den Vorsitzenden von Asha Varadhi, Rainer Schmid, der eine Untersuchung in einem Krankenhaus in Hyderabat veranlasste. Einem Krankenhaus, das ebenfalls vom Verein unterstützt wird. Als die Diagnose Thyphus dort bestätigt wurde, übernahm der Verein die Kosten von 70 Euro. „Als Sathish wieder gesund war, schickte er mir sofort Bilder von sich und seiner Familie, die natürlich sehr erleichtert war“, erzählt Ina Zangerle.

Sathish brachte seine Patentante zu seiner Mutter. Die Frau lebt mit Sathishs Geschwistern in einer Hütte in ärmlichsten Verhältnissen. Vater und Bruder arbeiten als Tagelöhner auf dem Bau in Hyderabad. Durch die Unterstützung des Köngener Vereins ist die Familie der Sorge um eines ihrer Kinder enthoben. Eines der Kinder hat die Chance, sich ein besseres Leben aufzubauen. Sathish macht derzeit eine Ausbildung in einer Bank. „Eigentlich versuchte er, in der Wirtschaftsschule in Hindupur aufgenommen zu werden, doch die Prüfung war zu schwer“, erzählt Zangerle.

Doch es ist nicht nur der Besuch bei den Paten, der auf dem Reiseprogramm der kleinen Gruppe aus dem Landkreis Esslingen steht. In Hyderabad besuchten sie sowohl das Krankenhaus als auch ein Heim für Straßenkinder. „Beide stehen unter Leitung des katholischen Ordens JMJ Jesus Mary Joseph“, erzählt die Nürtingerin Beate Gerlach, die im Beirat des Vereins sitzt und damit auch mitentscheidet, wofür der Verein sein Geld einsetzt. „Wir haben Sunitha kennengelernt, die ihre Ausbildung im Krankenhaus vor drei Monaten abgeschlossen hat und nun angestellt ist. Asha Varadhi hat die Kosten für die zweijährige Ausbildung übernommen, da sie und ihre Eltern diese nicht aufbringen konnten“, erzählte Gerlach. 1860 Euro investierte der Verein, 50 000 Rupien hat sie als zinslosen Kredit vom Krankenhaus erhalten, den sie in zehn Monatsraten zurückbezahlen muss.

Im Heim für Straßenkinder trafen die Reisenden aus Deutschland Sangeetha. „Sie ist Vollwaise und wurde mit fünf Jahren gefunden und in das Street-Childrens-Home gebracht. Jetzt ist sie 15 Jahre und besucht die achte Klasse. Sie erinnert sich nicht mehr an viel. Nur noch, dass sie einen Bruder hat. Sie kann sich auch nicht an den Namen erinnern. Vermutlich wurde er irgendwo anders hingebracht oder er lebt immer noch irgendwo auf der Straße oder in den Slums“, berichtete Beate Gerlach.

Die St. Joseph’s Girls High School und St. Joseph’s English Medium School in Gajwel, wo die Reisegruppe des Köngener Vereins mit Blüten-Mandalas und Schals empfangen wurde und die Mädchen extra einen Tanz für die Besucher aus Europa aufführten, standen ebenso auf dem Besuchsprogramm wie der Bischofssitz in Kurnool, wo zwei weitere Patinnen auf ihre Patensöhne trafen – auch sie berührt von dieser Begegnung. Ein Besuch galt auch dem Ort Reddipalle, wo Asha Varadhi die finanziellen Mittel für Trinkwasseraufbereitungsanlagen zur Verfügung stellte. „Von sauberem Trinkwasser profitieren in Reddipalle 300 Familien“, erläuterte Rainer Schmid. Für die Besuchergruppe war der Abstecher nach Reddipalle ein Erlebnis: „Die Dorfbewohner bereiteten uns einen gigantischen Empfang, das ganze Dorf war lahmgelegt, die Menschen tanzten auf der Straße“, erzählte Ina Zangerle.

Indien: Hightech neben einfachem Leben auf dem Land

Neben den Besuchen der Projekte und den Treffen mit den Patenkindern gab es natürlich auch Freizeit. Im Konvent in Yemmiganur, wo die Gruppe sich mehrere Tage aufhielt, wurde der Schneider, der seine Werkstatt gegenüber des Konvents hatte, mit Aufträgen bestürmt. „Und es gab immer ein neues Stöffle zu entdecken“, schwärmte Zangerle von den farbenprächtigen indischen Geweben. So üppig die Farbenpracht der Stoffe war, so üppig empfanden die Besucher auch die Landschaft („wie im botanischen Garten“). Gemüse, Früchte, Baumwolle, Reis sind die Hauptprodukte die angebaut werden. Oft wird der Acker noch mit Ochsen vor dem Pflug bearbeitet. Der Gegensatz von Hightech und dem ganz einfachen Landleben war für die Gruppe aus Köngen sehr erstaunlich.

Neben all den optischen Eindrücken war es vor allem die Gastfreundschaft, die die Besucher beeindruckte. Fast 80 Patenschaften hat der Verein Asha Varadhi bisher vermittelt, aber nur zwei der Paten haben sich bis jetzt nach Indien aufgemacht, um ihre Schützlinge zu besuchen. Dass nun gleich elf Paten kamen, war dann natürlich etwas ganz Besonderes. Ina Zangerle jedenfalls war von der Reise sehr begeistert und ist Rainer Schmid dankbar, dass er es den Paten ermöglicht hat, ihre Schützlinge und die Projekte, die der Verein unterstützt, zu besuchen.

Wer die Arbeit des Verein Asha Varadhi ebenfalls unterstützen möchte, kann dies durch eine Spende an Asha Varadhi, IBAN DE55 6050 0101 0008 6699 93, BW-Bank Stuttgart tun. Weitere Infos zum Verein: www.asha-varadhi.com

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