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Reportage

Was ist Kirche und wer gehört zu ihr?

11.05.2013 00:00, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Zur Neubesinnung der evangelischen Kirche in Nürtingen nach 1945 – Von Steffen Seischab

Restauration oder Neuanfang? So formulierte plakativ der evangelische Theologe Hermann Diem die Wegscheide, vor der der deutsche Protestantismus seiner Meinung zufolge nach dem Ende der nationalsozialistischen Katastrophe stand.
Restauration oder Neuanfang? So formulierte plakativ der evangelische Theologe Hermann Diem die Wegscheide, vor der der deutsche Protestantismus seiner Meinung zufolge nach dem Ende der nationalsozialistischen Katastrophe stand.

In diesen Tagen haben sich evangelische Christen in Hamburg getroffen, um unter dem Motto „Soviel du brauchst“ über die Zukunft zu beraten. Was der deutsche Protestantismus braucht und was nicht, ist jedoch – wie dieser Kirchentag gezeigt hat – eine schwer zu beantwortende Frage. Viele Forderungen der letzten Jahrzehnte, wie die nach einer Energiewende oder dem Ende der Wehrpflicht, sind inzwischen Realität geworden, andere – wie die Kritik am ungezügelten Kapitalismus und der Gier von Managern – zwar immer noch von ungebrochener Aktualität, aber schon lange kein Alleinstellungsmerkmal der christlichen Kirchen mehr. Linke, Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbände segeln unter der gleichen Flagge, was es wiederum für den deutschen Protestantismus schwierig macht, sich innerhalb dieses kulturkritischen Chors eine unverwechselbare Stimme zu geben. Die Tatsache, dass inzwischen viele evangelische Christen Spitzenämter in Politik und Gesellschaft einnehmen – man denke nur an das Duo Gauck und Merkel an der Spitze unseres Staates und seiner Regierung –, ist einerseits ein deutliches Zeichen dafür, dass Deutschland inzwischen „eine ziemlich protestantische Republik“ (Matthias Drobinski) geworden ist, zugleich aber zeigt sie das Dilemma auf, wie eine in der Mitte der Gesellschaft stehende Kirche gleichzeitig deren kritischen Widerpart bilden kann. Manch ostdeutscher Protestant mag sich an die Zeiten der Bedrängnis der „Kirche im Sozialismus“ in der DDR zurücksehnen, als das Feindbild noch klar war und die evangelische Kirche zwar durch das SED-Regime überwacht und drangsaliert wurde, zugleich aber auch einen Hort für alle diejenigen bildete, die – abgestoßen vom öden Materialismus der marxistisch-leninistischen Staatsdoktrin – auf der Suche nach einem anderen Leben waren und es im kirchlichen Rahmen in einem kleinen Kreis Gleichgesinnter auch fanden. Diese Zeiten der Nischenexistenz in einer kirchen- und christentumsfeindlichen Diktatur sind aber Gott sei Dank vorbei.


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