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Nürtingen

Bühnenbauwagen der Nürtinger Jugendwerkstatt nach Renovierung wieder im Einsatz

17.07.2021, Von Lutz Selle — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Der Bühnenbauwagen der Jugendwerkstatt hat seinen ersten Einsatz nach der durch „Licht der Hoffnung“ finanzierten Renovierung. Am Kirchertsee in Roßdorf ist das Gefährt heute bei der mobilen Kulturwerkstatt die Theaterbühne.

Fünf der 20 Sanierer des Bühnenbauwagens sind nun auf der Klappe des Gefährts verewigt.
Fünf der 20 Sanierer des Bühnenbauwagens sind nun auf der Klappe des Gefährts verewigt.

NÜRTINGEN. „Es ist wie eine Mischung aus Camping-Urlaub und Woodstock“, sagt Julia Rieger, Geschäftsführerin des Nürtinger Trägervereins Freies Kinderhaus, mit einem Schmunzeln. Am vergangenen Mittwoch haben die Jugendwerkstatt und die Kinder-Kultur-Werkstatt (Kikuwe) ihre Zelte an der Grillstelle am Kirchertsee im Stadtteil Roßdorf aufgeschlagen. Bleiben werden die Zelte dort bis zum kommenden Freitag, 23. Juli. Darüber hinaus bleiben sollen einige Kunstwerke, die in diesen Tagen von kleinen und großen Künstlern gemeinsam gestaltet werden. In neun Kunstprojekten werden die internationalen Kinderrechte thematisiert. Und dabei entstehen Skulpturen für einen Kinder-Rechte-Skulpturen-Pfad.

Der im Jahr 2017 stillgelegte Bühnenbauwagen aus dem Jahr 1963 hat nach einer Generalsanierung bei der mobilen Kulturwerkstatt wieder seinen ersten Einsatz.
Der im Jahr 2017 stillgelegte Bühnenbauwagen aus dem Jahr 1963 hat nach einer Generalsanierung bei der mobilen Kulturwerkstatt wieder seinen ersten Einsatz.

Die mobile Kulturwerkstatt ist ein kulturpädagogisches Projekt für Grundschüler. Vormittags ist immer jeweils eine Klasse der Roßdorfschule im Einsatz. Nachmittags ist die Kulturwerkstatt von 14.30 bis 17.30 Uhr für alle Kinder offen. Bis zu 120 Kinder können gleichzeitig künstlerisch tätig werden. „Das Angebot richtet sich natürlich nicht nur ans Roßdorf und auch nicht ausschließlich an Grundschüler“, macht Julia Rieger klar. Eine Anmeldung ist nicht notwendig – nur ein negativer Corona-Testnachweis.

Aus Ton werden mögliche Figuren für die Geschichte von Hänsel und Gretel geformt.
Aus Ton werden mögliche Figuren für die Geschichte von Hänsel und Gretel geformt.

Seinen allerersten Ersatz seit den Weltkindertagen 2017 hat auf dem Gelände der ursprünglich aus dem Jahr 1963 stammende Bühnenbauwagen. Der hatte im Jahr 2017 nach 20 Bühnenjahren stillgelegt werden müssen. Mit Hilfe von Spendengeldern aus der Weihnachtsaktion „Licht der Hoffnung“ der Nürtinger und Wendlinger Zeitung wurde es der Jugendwerkstatt aber ermöglicht, das Gefährt wieder flottzumachen. Zwar bremsten die Corona-Pandemie und Dauerregen das Team an der Alten Seegrasspinnerei mächtig aus. Letztlich ist es aber noch gelungen, die Komplettsanierung des Bühnenbauwagens gerade noch rechtzeitig vor dem Start der mobilen Kulturwerkstatt abzuschließen.

Aus Ton werden mögliche Figuren für die Geschichte von Hänsel und Gretel geformt.
Aus Ton werden mögliche Figuren für die Geschichte von Hänsel und Gretel geformt.

Auf der Verkleidung des Bauwagens sind nun auf einem großen Schwarz-Weiß-Druckbild fünf der insgesamt 20 Jugendlichen verewigt, die sich um den Umbau des Bühnenbauwagens verdient gemacht haben. Das Foto hatte Jugendwerkstatt-Mitarbeiterin Anneli Bialek geschossen. „Es wollten nicht alle mit drauf“, erzählt sie. Nun sind in gebeugter Haltung junge Menschen aus Gambia, Senegal und Afghanistan zu sehen. Es haben auch viele deutsche Jugendliche am Wagen mitgearbeitet. Sie erschienen aber nicht zum Fototermin.

Am heutigen Samstag wird die Bühne des Bauwagens zum ersten Mal wieder für ein Theaterstück genutzt. Um 16 Uhr wird das Pantomime-Stück „Mimo und der Drache“ aufgeführt. Die erklärenden Worte werden von Evgenia Frank auf Russisch vorgelesen.

Bei jedem Einsatz des Wagens finden sich noch Details zur Optimierung

Vier bis fünf Personen haben viele Monate lang stets gleichzeitig am Bauwagen gearbeitet. Nach dem Rückbau wurde das Fahrgestell entrostet, dann gestrichen und lackiert, ehe der Neuaufbau beginnen konnte. Besonders mit dem Blechdach hätten sich die Jugendlichen viel Mühe gegeben, lobt Anneli Bialek. Viel Arbeit habe auch die Beplankung gemacht, ergänzt Ralf Kuder, der die Bauarbeiten am Wagen als abgeschlossen ansieht. „Es werden sich aber vermutlich bei jedem Einsatz noch Details finden, um den Wagen nach Bedarf noch zu optimieren.“

Am Freitag, 23. Juli, wird dann ab 16.30 Uhr auf der Bühne Landrat Heinz Eininger stehen und zum Abschluss des Kulturwerkstatt-Projektes eine Rede halten.

Schließlich hat der Landkreis Esslingen die mobile Kulturwerkstatt auch mit ermöglicht, wofür Julia Rieger dankbar ist. Vor 21 Jahren hat der Bühnenbauwagen schon einmal am Kirchertsee gestanden – bei der „Feuertagen“ der Kikuwe. Die damalige mobile Kulturwerkstatt hat Spuren hinterlassen, die noch heute im Roßdorf sichtbar sind – beispielsweise Sitzplätze an der Grillstelle, die damals von Kindern gebaut wurden.

So soll es auch diesmal sein. Der Trägerverein hat verschiedene Künstler sowie für vier von insgesamt neun Projekten Studentinnen der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) Nürtingen aus den Studiengängen Kunst- und Theatertherapie eingeladen, die mit den Grundschülern Kunstwerke für einen Kinder-Rechte-Skulpturenpfad herstellen. Es gibt neun Stationen, an denen unter der Anleitung von Künstlern und Kunst-Studentinnen ganz unterschiedliche Werke entstehen. Das Team der Jugendwerkstatt mit Anneli Bialek, Ralf Kuder und Sabine März hilft beim Herstellen von Drahtfiguren. Mit Pit Lohse werden alte Tonröhren mit Acrylfarben bunt angemalt, zu Stelen aufeinandergestellt und dann mit Beton ausgegossen. Mit der Unterstützung von Julia Rieger modellieren die Grundschüler aus Ton und Ytong-Steinen ein Sofa in Lebensgröße, das als Erinnerung an die Aktion im Roßdorf stehen bleiben soll.

Der Künstler Andreas Mayer-Brennenstuhl baut zusammen mit den Kindern aus Kabelrollen, Holzresten und Paletten nach eigenen Ideen Fahrzeuge, die später auf Aufenthaltsorte zum Spielen und Chillen dienen sollen. Der Künstler Bertram Till hilft den Schülern bei der Herstellung von über einen Meter großen Spielfiguren aus Holz, mit denen die Geschichte von Hänsel und Gretel nachgespielt werden kann. Das Holz sägt der Nürtinger Künstler zuvor mit der Motorsäge zurecht. Vor den großen Figuren werden aber noch kleine Modelle aus Ton gefertigt. „Das Hexenhäuschen bleibt im Roßdorf, um die Figuren unterzubringen“, erklärt Julia Rieger.

Die Station „Schmiedekunst“ wird von Marjam Unger und Ines Götz betreut. Dort werden aus Stahl auf heißen Kohlen Skulpturen aus Metall hergestellt. „Das soll auch mit eine kleine Erinnerung an die Feuertage vor 21 Jahren sein“, sagt Julia Rieger. „Seitdem gehört das Schmieden bei der Kikuwe als regelmäßiges Angebot einfach dazu.“

Jessica Wanner, Sophia Flörchinger und Natalie Willhauck sind bei der Herstellung von Gesichtsmasken behilflich. Diese sollen schön gestaltet und dann an einen Baumstamm hingehängt werden.

Käthe Hohnschopp, Yasmin Habaal und Anne Siebert betreuen die Station „Gleichbehandlung – Figuren aus Draht und Gips“. Die entstehenden Figuren sollen an das Recht auf Gleichbehandlung erinnern. Johanna Lehmann und Joanna Sander sorgen an ihrer Station für „Die laute Stimme der Kinder“. Aus Holzmaterial wird gesägt, gehämmert und gestaltet.

Manche Eltern waren als Kinder vor 21 Jahren bei den Feuertagen dabei

Bei den Schülerinnen und Schülern der Klassen der Roßdorfer Grundschule ist die mobile Kunstwerkstatt in den ersten Tagen trotz durchwachsenen Wetters schon einmal super angekommen. Manch ein Schüler war so begeistert, dass er sich gar nicht entscheiden konnte, an welcher Station er sich zuerst verwirklichen sollte. Und eine Klassenlehrerin stellte am Ende des viel zu kurzen Vormittags fest: „Wenn ich gewusst hätte, dass das Projekt so schön ist, hätte ich mehr Zeit eingeplant.“

Auch einige Eltern der Kindern freuen sich. Denn manche wohnen schon seit mehr als zwei Jahrzehnten im Roßdorf und waren vor 21 Jahren selbst noch als Heranwachsende bei den Feuertagen dabei – und nun treten ihre Kinder in die Fußstapfen. Über das entstehende Gemeinschaftsgefühl freut sich Julia Rieger. Denn das sei besonders wichtig – gerade in Corona-Zeiten.

 

Die mobile Kulturwerkstatt befindet sich am südlichen Ende des Roßdorfs. Am Ende der Hans-Möhrle-Straße führt ein kleiner Waldweg zur Grillstelle am Kirchertsee. Am heutigen Samstag ist „Tag des offenen Grillplatzes“. Besucher sind auf dem Gelände willkommen. Und um 16 Uhr wird auf dem Bühnenbauwagen das Theaterstück „Mimo und der Drache“ aufgeführt.

Licht der Hoffnung