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„Rückzahlungen an die Patienten wären nur Peanuts“

10.01.2014 00:00, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Nach 47 Jahren bei der AOK geht Geschäftsführer Dieter Kress in den Ruhestand

Als Geschäftsführer der AOK Neckar-Fils hat sich Dieter Kress nicht als Verwalter verstanden, sondern hat versucht, die regionale Krankenversorgung zu gestalten. Er hat Position bezogen, wenn es um Krankenhaus-Strukturen ging. Zuletzt bemühte er sich um die Fortsetzung der geriatrischen Reha. Nun geht der 65-Jährige in den Ruhestand.

Von jedem Gehalt gehen 15,5 Prozent an die Krankenversicherung. Wie hoch waren die Beiträge, als Sie bei der AOK angefangen haben?

1966, als ich meine Ausbildung in Tübingen begann, betrug der Beitragssatz im Bundesdurchschnitt zehn Prozent. Allerdings sah der Leistungskatalog ganz anders aus. Schon als Auszubildender empfand ich es unwürdig, wenn jeden Freitag Hunderte von Arbeitern antraten – als Bittsteller, um nach der Kontrolle durch den Vertrauensarzt ihr Krankengeld abzuholen.

Und heute sind die Versicherten keine Bittsteller mehr?

Sie haben Anspruch auf Lohnfortzahlung, müssen nicht zur Kontrolle und bekommen ihr Krankengeld überwiesen. Das ist eine völlig andere Art, mit den Menschen umzugehen.

Warum sammeln die Kassen so große Re-serven an, anstatt den Versicherten etwas zurückzuzahlen?

Die Beiträge werden beim zentralen Gesundheitsfonds angesammelt, nicht bei den Kassen. Wir bekommen unser Geld von dort, je nach Zahl der Versicherten und deren Krankheitszustand. Wenn die Kassen ihre vorgeschriebenen Rücklagen gebildet haben und danach Geld übrig haben, können sie einige Euro zurückzahlen oder investieren. Die AOK Baden-Württemberg investiert aus ihren Überschüssen – 2012 waren es 350 Millionen Euro – in bessere Versorgung und zusätzliche Leistungen für die Versicherten.

Die nutzen Versicherte, die sich gut auskennen. Die anderen hätten vielleicht lieber das Geld zurück.

Wie hoch wären denn die Rückzahlungen? Peanuts. Es ist doch vernünftiger, den Leistungskatalog zu erweitern. Die AOK tut dies laufend, zum Beispiel aktuell mit einem Kinderarzt-Vertrag und zusätzlichen Untersuchungen für Kinder oder ab Januar mit dem Orthopädievertrag. Der erweiterte Hausarztvertrag bringt bessere Leistungen für Ältere. Dank des Vertrags mit Psychotherapeuten sind Wartezeiten für psychisch Kranke die Ausnahme.

Wenn man Leistungen erweitert, sobald Geld da ist, wird man die Kosten im Gesundheitswesen nie in den Griff kriegen.

Einspruch. Ich bekomme die Kosten besser in den Griff, wenn ich vernetzte Strukturen schaffe, so wie mit dem Hausarztvertrag, bei dem dieser als Lotse fungiert und bei Bedarf zu den richtigen Fachärzten weiterleitet. Das hilft dem Patienten mehr, als von einem Arzt zum anderen zu laufen. Anderes Beispiel: Wenn der Hausarzt nicht ins Pflegeheim kommt, weil er keinen Vertrag hat, ruft die Altenpflegerin den Notarzt und der alte Mensch kommt ins Krankenhaus. Durch geregelte Versorgungsstrukturen und Behandlungspfade können die Krankenkassen Geld sparen und die Versicherten sind besser versorgt. 60 bis 120 Euro im Jahr zurückzuzahlen nützt dem Versicherten weniger.

Die AOK bietet Bonus- und Selbstbehalttarife an, mit denen Versicherte Geld sparen könnten. Wie viele Versicherte nutzen diese Tarife?

Wenige. Wir brauchen das Angebot im Wettbewerb, weil es andere Krankenkassen auch machen. Die AOK hat das nie intensiv beworben.

Wäre es nicht sinnvoll, wenn Patienten die Arztrechnung erhielten, um ein Kostenbewusstsein zu entwickeln und um andererseits falsche Abrechnungen zu unterbinden?

Bei uns kann jeder Versicherte seine Kosten online abrufen. Auf der AOK-Patientenquittung sieht er, was wir bislang für ihn und seine Familie ausgegeben haben.

Man sieht aber nicht, wie viel eine Einzelleistung gekostet hat.

Das wäre die Abkehr vom Sachleistungsprinzip, dann müsste jeder eine Rechnung zur Erstattung einreichen. Da könnte theoretisch der Versicherte die Leistungen zwar abhaken, dies war’s dann aber. Privatpatienten können mit ihren Rechnungen auch wenig anfangen, weil alles verschlüsselt ist. Außerdem prüfen wir ja die Klinikrechnungen.

Hat die AOK Neckar-Fils durch ihre Prüfverfahren schon betrügerische Abrechnungen entdeckt?

Ich kenne keinen Betrugsfall. Abrechnungsfehler kommen vor und die werden berichtigt.

Sie haben die Hausarzt-Verträge forciert. Hat das den Ärzten geholfen, den Patienten oder der Kasse?

Allen Dreien. Die Ärzte haben eine höhere Vergütung. Der Versicherte erhält aufgrund der Zuschläge, die der Hausarzt bekommt, eine bessere Versorgung, schnelle und abends längere Termine. Der Arzt muss sich mehr Zeit für die Beratung nehmen und weitere Vorsorgeuntersuchungen anbieten. Es mag Doktoren geben, die vor allem die finanzielle Seite sehen, aber wir haben Prüfverfahren und im Einzelfall beschweren sich dann auch Patienten.

Und inwiefern profitiert die Krankenkasse vom Hausarzt-Vertrag?

Sie spart langfristig, weil der Versicherte besser begleitet wird. Eine strukturierte Behandlung vermeidet Drehtür-Effekte. Das hat die wissenschaftliche Begleitung bestätigt.

Wie gut ist der Kreis Esslingen noch mit Hausärzten versorgt?

Zahlenmäßig geht das noch einigermaßen, aber das gerät in Schieflage, weil in den nächsten zehn Jahren viele Hausärzte die Altersgrenze erreichen. Deshalb muss man sich um Nachbesetzungen kümmern. Man muss sich andere Formen der Praxen überlegen: Gemeinschaftspraxen oder ein Ärztehaus wie es jetzt in Aichwald gebaut wird. Das halte ich für einen vernünftigen Weg.

Warum haben Sie in den letzten Monaten vor dem Ruhestand so für eine Nachfolgeregelung für die Aerpah-Klinik Esslingen gekämpft?

Weil ich mich in der Verantwortung für die Menschen gefühlt habe und weil die geriatrische Reha zum Gesamtkonzept gehört. Wenn sich nun Kreis und Stadt auf den Weg zu besseren Krankenhaus-Strukturen machen, dann gehört dazu, dass ältere Menschen, die in einer normalen Reha nicht mehr aufgenommen werden, eine geriatrische Rehabilitation erhalten. Ich bin froh, dass wir eine Lösung mit dem Christophsbad Göppingen gefunden haben. Was die Fusion der Kliniken betrifft, da darf man nicht erwarten, dass einfach der Schalter umgelegt wird und alles gut ist. Das ist ein längerer Prozess, bis hin zu baulichen Veränderungen.

Was wird der ehemalige Chef der Gesundheitskasse im Ruhestand für seine Gesundheit tun?

Er wird sich als Allererstes eine neue Struktur geben mit Zeit für mehr Bewegung. Ich will wieder regelmäßig joggen und schwimmen. Und mehr auf meine Ernährung schauen, nicht den ganzen Tag nur Brezeln und viel Kaffee.

Statt Rückzahlungen an die Versicherten sollten die Kassen mit den Überschussen ihre Leistungen verbessern, meint Dieter Kress. Foto: Bulgrin
Statt Rückzahlungen an die Versicherten sollten die Kassen mit den Überschussen ihre Leistungen verbessern, meint Dieter Kress. Foto: Bulgrin

 

Zur Person

Dieter Kress

Dieter Kress hat 1966 eine Ausbildung bei der AOK Tübingen begonnen. 1987 bis 1995 war er bei der AOK Esslingen. Nach einigen Jahren bei der AOK Ravensburg kehrte er 2002 als AOK-Geschäftsführer nach Esslingen zurück. In seinem Wohnort Kirchentellinsfurt saß er von 1975 bis 1994 für die SPD im Gemeinderat, anschließend war er Kreisrat.

Die Fragen stellte Roland Kurz

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