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Quartier fürs Wohnen und Arbeiten auf dem Areal der Neckarspinnerei Wendlingen

26.06.2021 05:30, Von Sylvia Gierlichs — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Auf dem Areal der Neckarspinnerei entsteht ein Quartier fürs Wohnen und Arbeiten. Fotos: Holwarth
Auf dem Areal der Neckarspinnerei entsteht ein Quartier fürs Wohnen und Arbeiten. Fotos: Holwarth

WENDLINGEN. Wohnen, da wo man arbeitet – mit diesem Slogan wirbt IBA-Intendant Andreas Hofer für die Projekte der Internationalen Bauausstellung ’27. Mit dem Laptop am Frühstückstisch, mit einer wackeligen WLAN-Leitung und quengelnden Kindern, die fröhlich in die Videokonferenz winken? Oh, nein, denken da manche, die nach fast eineinhalb Jahren Pandemie die Nase gestrichen voll vom Homeoffice haben.

Doch das ist natürlich nicht gemeint, wenn Andreas Hofer von der Symbiose von Arbeitsplatz und Wohnung spricht. Seine Vorstellung: Hier hämmern, da lernen, Gemüse anbauen und Bier brauen, schlafen, handeln, forschen, Dinge erfinden und industriell produzieren – alles in einem Quartier.

Veränderte Produktionsweisen, Digitalisierung, neue Mobilitätskonzepte sollen Produktion und Wohnen wieder zusammenbringen. Dazu braucht man nicht nur Gebäude, die dieser Vision Leben einhauchen, sondern auch neue Regeln, die all das zulassen. Hofer wünscht sich gedankliche Offenheit.

Bei der Wendlinger Firma HOS stieß der Schweizer auf genau diese Offenheit. Denn die Firma plant genau diese IBA-Kriterien umzusetzen. Und zwar auf dem Spinnereiareal in Unterboihingen. Dort wurden im Sommer 2020 die Maschinen für immer abgestellt.

Die ersten Maschinen angeworfen wurden 1861. Dem Fabrikant Heinrich Otto wurde der Betrieb in Nürtingen zu klein. Ab 1859 ließ er in Unterboihingen einen viergeschossigen Ziegelbau errichten. Dieser älteste Bau des Areals steht übrigens auf wuchtigen sandsteinernen Stelzen. „Der Bruchstein wurde gar nicht weit von hier, am heutigen Froschländer-Kreisverkehr von Oberboihingen, abgebaut“, berichtet Frank Reiner, Kaufmännischer Leiter der HOS-Gruppe, beim Gang über das Gelände.

Arbeiten wo man wohnt: In der Neckarspinnerei nichts Neues

Gleich nebenan entstand das Wohnhaus, in dem Robert Otto, der Sohn von Heinrich Otto, mit seiner Familie Quartier bezog. Wohnen und Arbeiten im gleichen Umfeld – das ist also gar nicht so eine revolutionär neue Idee. In der Familie Otto wird sie schon sehr lange praktiziert. Was nicht nur für die Unternehmerfamilie selbst gilt. Unterkünfte für Arbeiter und Angestellte gehörten zum Konzept des sozial eingestellten Firmenpatriarchen dazu. Die Idee war klar: die Arbeiter sollten an ihre Arbeitsstätten gebunden werden, indem man ihnen betriebsnahe Wohngelegenheiten bot. Das Otto-Kirchlein, 1969 wieder abgerissen, diente der geistigen Erbauung.

Nun also heißt es für das Areal: zurück zu den Wurzeln. Wobei das nicht heißt: zurück zum klassischen Unternehmertum. Jung und modern soll das Quartier daherkommen. Es soll sich öffnen, nicht nur für die, die einst dort arbeiten und wohnen, sondern auch für all jene, die sich gerne in diesem historischen Ambiente aufhalten, die Freude an alter Industriearchitektur haben. Die auf ihrer Tour entlang des Neckartalradwegs einen kleinen Zwischenstopp in einem Café oder Restaurant machen möchten. Oder auf dem Weg zur Arbeit ihr Rennrad auf das Areal lenken, um schnell noch einen Espresso zu genießen.

Zukunftspläne, sagen jetzt viele. Ja, stimmt, wenn mit Zukunft das Jahr 2022 gemeint ist. Denn mit einem Dornröschenschlaf wird es nichts auf dem Spinnerei-Areal in Unterboihingen. Die ersten fünf Start-ups haben bereits Interesse angemeldet, um ins Pentagon einzuziehen.

Andreas Decker, Tamer Cosekun und Frank Reiner von der HOS-Gruppe im Erdgeschoss des Pentagons.
Andreas Decker, Tamer Cosekun und Frank Reiner von der HOS-Gruppe im Erdgeschoss des Pentagons.

Was? Pentagon? Ja, richtig gelesen: ein Pentagon gibt es nicht nur in Arlington in den USA. Auch das Spinnereiareal in Unterboihingen hat ein Gebäude mit fünf Ecken. Es wurde 1951/52 erbaut und ist damit nur neun Jahre jünger als das 1943 fertiggestellte US-Verteidigungsministerium. Es steht nicht unter Denkmalschutz. Warum eigentlich nicht, fragt man sich. Denn es stellt, ebenso wie die anderen, älteren Gebäude, ein Stück Industriegeschichte dar, die es nicht mehr allzu oft zu sehen gibt. Die Form des Gebäudes ergab sich wegen des Zuschnitts des Grundstücks.


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