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28.09.2006 00:00, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Mein Vater indessen hat nie ein Wort über Krieg und Politik verloren. Er hatte seinen eigenen Vater 1918 verloren, zerrissen von einer Granate, kurz vor Kriegsende in Reims. Sein Bruder kam 1945 in Halle durch britische Bomben ums Leben, während er gleichzeitig vor den anrückenden Amerikanern das Vernichtungslager Mauthausen bei Linz aufräumen helfen musste, als kriegsuntauglicher Finanzbeamter, dienstverpflichtet zum Beseitigen von Leichen. Bis kurz vor seinem Tod machte ihn dieses Grauen wortlos. Opas Erinnerungen an das Grauen waren dagegen schier greifbar. Im August 1944 hatten Partisanen im besetzten Paris seinen einzigen Sohn Emil erschossen. Die Oma trauerte still, und der Opa flüchtete sich in seine Geschichten vom ersten Krieg, sicherlich hie und da verklärt, geglättet und überzeichnet. Ich war sein willigster Zuhörer, und die Namen aus Thaddäus Kunzmanns Reisebericht kann ich mir heute noch aufsagen. Später habe ich sie wieder gehört, indirekt, in Nasallauten der französischen Sprache, bei denselben Lehrern, die schon Onkel Emil hatte. Der Opa gehörte in Nordfrankreich zu einer Fernmeldekompanie. Für mich als aufmerksames Enkelkind war Strippen ziehen in einer Kraterlandschaft der Alltag eines Helden. Wenn dann die Oma gesagt hat Karl, hör doch auf mit deine Gschichta ond dem Büble, dann hat mir der Opa seine beiden Bücher im Kleiderschrank gezeigt. Neben der Hausbibel stand das für mich größte Buch der Welt, dick, grün und sauschwer: die Die Württemberger im Weltkrieg. Dazu Bilderhefte mit Aufmarschplänen samt Fotos von Helden zu Pferd und zu Fuß und vom Opa in Uniform. Später war ich mit dem Fahrrad in Frankreich. Unweit von Paris habe ich das Grab von Onkel Emil gesucht. Es war damals so alt wie ich, sechzehn Jahre.

Die Oma hat das Foto lange in der Hand gehalten, mich an sich gezogen und geweint: Jetzt weiß i endlich, wo mei Bua isch. Zwei Jahre darauf starb sie. Der Opa, der dem Tod in Russland und Frankreich mehrmals von der Schippe gesprungen ist, folgte ihr 1975. Das Grab gibt es nicht mehr. Aber die Bücher. Ich möchte sie gerne irgendwo hingeben, wo ich sie in unserer Stadt aufgehoben weiß.


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