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Nürtingen

Spitzige Gotik

09.11.2010 00:00, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

(bg) Es gibt eine Eselsbrücke, wie man die mittelalterlichen Baustile der Gotik und der Romanik unterscheiden kann: Romanische Bauten haben Rundbögen, so rund wie das „o“ in „Romanik“, gotische Bauten haben Spitzbögen, deshalb hat „Gotik“ fast dieselbe Endung wie „spitzig“. Die gotischen Kathedralen gehören zweifelsohne zum Beeindruckendsten, was je von Menschenhand errichtet wurde. Kaum zu glauben, dass der Begriff Gotik einst die Geringschätzung dieses Baustiles im Vergleich zur antiken Bauweise ausdrücken sollte. Erfunden hat ihn zur Zeit der Renaissance der italienische Kunsttheoretiker Giorgio Vasari, der ihn vom italienischen „gotico“ für fremdartig, barbarisch ableitete. Die Goten bauten gar nicht gotisch, wie sich an ihrer berühmtesten baulichen Hinterlassenschaft, dem Mausoleum des Theoderich in Ravenna, gut erkennen lässt. In der Romanik waren die Kirchen und Klöster noch wahre Trutzburgen, in denen sich die Leute beim nächsten Überfall irgendwelcher marodierender Horden verschanzen konnten. Als im 12. Jahrhundert viele Städte gegründet wurden, war das nicht mehr nötig, die Aufgabe des Schutzes erfüllten die Stadtmauern. Stattdessen entfaltete sich ein Wettbewerb, wer denn die größte und schönste Kathedrale bauen kann – die weltliche oder die geistliche Macht.

Die Kathedrale war dabei ein Vorgeschmack auf das himmlische Jerusalem und muss in den Zeiten, als die Menschen beinahe alle in kleinen Häusern wohnten, noch viel beeindruckender als heute gewesen sein. Von weither sichtbar überragten die Kathedralen alles. Der Lichteinfall durch die großen bunten Fenster war ein zentrales Gestaltungselement. Als es den Baumeistern gelang, statt schwerer Tonnengewölbe filigrane Kreuzrippengewölbe zu bauen, stand der Errichtung des Stein gewordenen Gotteslobes nichts mehr im Wege – auch wenn die Bauzeit meistens so lange war, dass die, die den Grundstein legten, kaum je das Richtfest erlebten. Die ersten gotischen Kathedralen entstanden ab dem Jahr 1130 in der Gegend um Paris. Paradebeispiele gotischer Baukunst sind die Kathedralen von Reims und Chartres, aber auch das spät vollendete Ulmer Münster und die Esslinger Frauenkirche zählen zur Gotik.


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