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Nürtingen

Scherbengericht

21.01.2009 00:00, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Frei, gleich, geheim, persönlich und allgemein sollen demokratische Wahlen im Idealzustand sein. Man kann sich natürlich darüber streiten, wann und wo es jemals Wahlen gegeben hat, die all diesen Kriterien standhielten, eine Einigung über alle Parteien- oder Gesellschaftsgrenzen hinweg würde schwerfallen. Aber wie weit reichen die Gedanken in der Geschichte zurück, die uns im 20. Jahrhundert auch in Deutschland die Segnungen der Demokratie brachten? Zumindest für den Begriff des „geheimen Wahlrechts“ lässt sich eine Spur bereits vor 2500 Jahren in der sogenannten attischen Demokratie und ihrer Hauptstadt Athen finden, wenn auch eher in Form des Negativums einer Wahl. Einmal im Jahr bekamen die Athener Vollbürger eine Tonscherbe in die Hand gedrückt, auf die sie die Namen desjenigen Mitbürgers schreiben sollten, den sie für würdig hielten, eine Zeit lang zwangsweise woanders Luft zu schnappen. Stets fürchtete nämlich die attische Bürgerschaft, dass sich einer der Demagogen ihrer Stadt eines Tages genügend Anhang und Macht verschaffen könnte, um eine Tyrannis, also eine Diktatur, oder zumindest eine Oligarchie zu errichten und den Großteil von ihnen um wichtige Rechte zu betrügen. Also meinte man, dass die Mehrzahl der Bürger gemeinsam Vernunft genug besäße, so etwas zu verhindern. Also schrieb jeder für sich den Namen des Bürgers auf seinen Ostrakon (gr.: Tonscherbe) und warf die Scherbe in die Mitte des Marktplatzes, wo sie gesammelt und ausgezählt wurden. Um einen solchen Ostrakismus oder – auf deutsch – ein Scherbengericht durchführen zu können, mussten mindestens 6000 „Wähler“ teilnehmen. Wer die Mehrheit bekam, wurde für die Dauer von zehn Jahren unter Androhung der Todesstrafe aus der Stadt verbannt – ein Streitschlichtermodell mit doch einiger Ähnlichkeit zu einer Volksabstimmung. heb


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