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Nürtingen

Lukrative Köpfe

23.05.2018 00:00, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

(pw) Wer schon einmal in einer westlichen Großstadt war, der kennt „Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett“. Was für eine Geschichte sich hinter der eigentlich familienfreundlichen Touristenattraktion verbirgt, ist mehr als nur skurril. Die Person, die hinter dem berühmten Namen steckt, hieß eigentlich Anna Maria Grosholtz, später nahm sie den Namen ihres Mannes an und hieß ab sofort Marie Tussaud. Zum Glück, denn „Madame Grosholtz’ Wachsfigurenkabinett“ hätte bestimmt nicht so viel Anziehungskraft wie „Madame Tussauds“. Geboren in Straßburg im Jahr 1761 und aufgewachsen im Haushalt des in der Schweiz lebenden Plastikers Philippe Curtius, wo ihre Mutter als Hausmädchen arbeitete. Als Curtius nach Paris zog, um dort ein Wachsfigurenkabinett aufzubauen, nahm er Marie Grosholtz und ihre Mutter mit. Dort brachte er Marie das Modellieren bei und sie fing an bei ihm zu arbeiten.

Aber die beiden hatten mit vielen Problemen kämpfen, vor der Französischen Revolution fertigten sie nämlich vor allem Köpfe und Büsten von Adligen und anderen Reichen an, während der Revolution wurden sie deshalb als Royalisten gebrandmarkt und folglich verhaftet. Die Wachsköpfe wurden beschlagnahmt und man fing an, sie makaber zu missbrauchen. Denn der wütende Mob spießte gerne die echten Häupter der geköpften Adligen auf und trug sie in den Gassen von Paris spazieren. Köpfe haben aber nun mal die Angewohnheit, nach ein paar Tagen an frischer Luft zu vergammeln. Als die Revolutionäre dann die Wachsköpfe der meist schon geköpften Aristokraten und Adligen fanden, sahen sie in ihnen sofort einen Ersatz für die echten Köpfe. Eigentlich hatte man die Madame und Curtius ja guillotinieren wollen, doch der mächtige Revolutionär und Freund Curtius’, Collot d’Herbois, konnte ihre Freilassung erzwingen. Aber nur unter einer Bedingung: Sie mussten die Totenmasken für die hingerichteten „Feinde der Revolution“ herstellen. So fertigte Marie Tussaud zum Beispiel auch die Totenmasken von Marie Antoinette, König Louis XVI. oder auch Robespierre an.

Als Curtius 1794 starb, übernahm sie das Wachsfigurenkabinett. Da aber ein Großteil ihrer Kundschaft der Guillotine zum Opfer gefallen war, hatte sie große finanzielle Probleme. Deshalb wanderte Marie Tussaud dann nach Großbritannien aus, wo sie mehr Erfolg hatte. Neben Paris und London gibt es heute noch 21 andere Wachsfigurenkabinette mit dem Namen „Madame Tussauds“.

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