Nürtingen

Kein Heimchen

31.03.2009, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Kann sich noch jemand an die Lancia Fulvia erinnern? Die etwas herbe Schönheit aus dem italienischen Piemont löste kein verräterisches Augenaufleuchten aus, wenn sie beim Autoquartettspiel ausgeteilt wurde. Als Limousine mit dem Beinamen „Berlina“ verströmte sie den Sex-Appeal eines Putzeimers. Doch die Fulvia hatte, wie so viele südländische Frauen, viele Gesichter. So kam die Coupé-Version schon richtig elegant daher und machte vor allem auf dem „Rallye“ genannten Laufsteg der Seriensportwägelchen eine richtig gute Figur. Die machte auch ihre ursprüngliche Namensgeberin, allerdings runde 2000 Jahre früher. Denn die Lancia Fulvia war, wie die meisten ihrer Schwestern, nach einer alten Römerstraße benannt worden, die jedoch als Namensgeberin wieder auf eine prominente Römerin der Antike verweist. Jene Fulvia, von der hier die Rede sein soll, fiel komplett aus der Rolle – aus der Rolle der braven Hausfrau, des Heimchens am Herd, wie sie von einer antiken Römerin erwartet wurde. Die Gattin des unterlegenen Rivalen des späteren Kaisers Augustus, Marcus Antonius, dürfte wohl die einzige Frau ihrer Zeit gewesen sein, die sich als Heerführerin betätigt hatte. Zusammen mit Marc Antons Bruder Lucius ergriff sie im sogenannten „Perusinischen Krieg“ die Partei jener Italiker, die in Oktavians Auftrag zugunsten seiner Veteranen enteignet und vertrieben werden sollten. Mit dem Schwert in der Hand verteidigte diese Fulvia 41 Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung, zusammen mit Lucius Antonius, an der Spitze eines Heeres stehend die Stadt Perusia, deren Binnen-„s“ später gegen ein „g“ ausgetauscht werden sollte. Fulvia verlor diese Schlacht und da, wie wir wissen, immer der Sieger die Geschichte schreibt, wurde von ihr in späterer Zeit das Bild eines verschlagenen, gierigen und grausamen Blaustrumpfes überliefert. heb

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