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Kommentar: Gebt die Wiesen frei

25.05.2022 05:30, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Das Artensterben geht uns alle an. Mehr Laisser-faire könnte helfen. Ein Kommentar zum Artikel "Die Krise vor der Haustür: Nürtinger Experten zum Insektensterben".

Von Johannes Aigner
Von Johannes Aigner

Der Klimawandel ist mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Im Bundestag wie am Stammtisch wird über Spritpreise, Fleischkonsum und Lastenfahrräder diskutiert. Doch wir befinden uns mitten in einer weiteren Krise, die ähnliche Folgen haben kann, jedoch weitaus weniger im Licht der Öffentlichkeit steht: das Insektensterben.

Das große Problem dabei ist, dass Insekten in der Gesellschaft keine Lobby haben. Auf Zecken, Stechmücken und Heuschrecken würden wir in einem ersten Impuls gerne verzichten. Dabei sind sie der Beginn einer langen Nahrungskette, an deren Ende auch wir stehen. Schauen wir tatenlos dabei zu, wie die Zahl und Vielfalt der Insekten Jahr für Jahr sinkt, beobachten wir, wie uns die Lebensgrundlage wegbröckelt.

Nürtingen tut bereits relativ viel dafür, den Lebensraum von Tieren und Insekten zu erhalten. Die Stadt schließt Kooperationen mit Landwirten, schafft Ausgleichsflächen und neue Habitate für bedrohte Arten. Die meisten Experten sind allerdings der Meinung, dass gegen das Insektensterben eher Laisser-faire statt Tatendrang hilft.

Die Tübinger Initiative „Bunte Wiese“ macht es vor: Grünflächen mitten in der Stadt werden nur ein- bis zweimal im Jahr gemäht, die Stadt lässt dort der Natur freien Lauf – und das mit Erfolg. Zahlreiche, teils bedrohte Arten sind zurückgekehrt. Das könnte auch für Nürtingen ein guter Ansatz sein. Denn Aktionen wie „Nürtingen blüht auf – auf Dächern“ sind zwar nett anzusehen und öffentlichkeitswirksam. Doch ob sie wirklich zur Biodiversität beitragen ist eine andere Frage. Hübsche Blümchen auf Garagen- und Kioskdächern erfreuen immerhin hauptsächlich den Menschen, dann vielleicht noch ein paar Bienen und Schmetterlinge. Die wirklich bedrohten Insektenarten brauchen jedoch knie- oder hüfthohe Wiesen, in denen sie ihre Eier legen können.

Damit das gelingen kann, muss der gemeine Schwabe sich jedoch zunächst von der Idee losreißen, dass jede Grünfläche, ob öffentlich oder hinter dem eigenen Haus, ähnlich gepflegt werden muss wie der Centre Court von Wimbledon. Eine gute Wiese qualifiziert sich schließlich nicht durch das Aussehen. Eine gute Wiese kann man hören, denn sie brummt vor Leben.

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