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Nürtingen

Ein Volksentscheid

12.10.2009 00:00, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

(heb) Für „überflüssig“ hielt sich der Schriftsteller und Arzt Alfred Döblin in dem Land, in dem er und seine Eltern geboren wurden. Die Hoffnung der während der Nazizeit ins Exil ausgewanderten Schriftsteller, dass nach dem Untergang der Diktatur der Massenmörder das deutsche Volk die wieder erreichbaren Kulturgüter wie ein Schwamm aufsaugen würde, hatte sich nicht sofort erfüllt. Die Bücherverbrenner waren zu Persilschein-Professoren geworden, die in den Universitäten weiterzuwüten bereit waren, Wölfe in Lämmerfell gehüllt und verlogen bis in die Knochen. Schriftstellern wie Thomas Mann warfen die „Daheimgebliebenen“, jene Autoren, die für sich den Gang ins „innere Exil“ in Anspruch nahmen, vor, sich dem Mitleiden mit ihrem Volk, „das nunmehr seit einem Dritteljahrhundert hungert und leidet“ (Walter von Molo) durch die Flucht ins Ausland entzogen zu haben. Deshalb nun, nachdem der Krieg vorbei sei, müsse der Nobelpreisträger sich klarmachen, dass kein „Dichter ungestraft die Luft eines fremden Kontinentes atmen“ dürfe, dass die Entscheidung, ob er noch als Europäer oder Deutscher gelten dürfe, nicht er, sondern das deutsche Volk fällen würde, wie ihm der innere Exilant Frank Thiess zu verstehen geben wollte. Diese, so Thiess, würde auch nicht von „Literaten oder Kritikern gefällt, sondern vom Volke, das als Großorganisation eine untrügliche Witterung dafür hat, ob etwas zugehört oder nicht“. Das hatte es ja gerade zwölf Jahre lang nachdrücklich unter Beweis gestellt und die Molos, die Thiesse, die Bergengruens und Jüngers hatten von innen betrachtet, wie es sich als ein Volk in einem Reich unter einem Führer so leben ließ. Geirrt hat sich Döblin, dessen Roman „Berlin Alexanderplatz“ zu einem der erfolgreichsten Bücher der Nachkriegsrepublik geworden ist. Recht behalten haben dagegen von Molo und Thiess, deren prophezeiter Volksentscheid sie selbst ins literarische Nirwana, den geschmähten Thomas Mann jedoch auf den Gipfel des Literaten-Olymps getragen hat.


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