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Nürtingen

Ein Standesverräter

24.03.2009, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

„Gleiches Recht für alle“ lautet eine Urformel der Demokratie, die Grundvoraussetzung für einen Rechtsstaat, wie wir ihn heute verstehen. Gleichzeitig empfinden diesen Satz all jene als Frontalangriff, die mit ihren Privilegien, gewissen Vorrechten also, sehr gut leben können. Trotzdem kamen Forderungen nach Aufhebung dieser Vorrechte oder zumindest einer erweiterten Beteiligung der Bevölkerungen an solchen Vorrechten nicht selten aus den Kreisen jener, die mit einem Silberlöffelchen auf die Welt kamen, wie ein Ulrich von Hutten oder Friedrich Engels. Doch erwies sich ein solcher Blick über den Tellerrand für den, der ihn wagte, meist als äußerst gefährlich, ja bisweilen tödlich. Das musste vor 2100 Jahren im alten Rom ein gewisser Marcus Livius Drusus erfahren, der sich im Jahr 91 vor unserer Zeitrechnung zum Volkstribun hatte wählen lassen, um gemeinsam mit Marcus Aemilius Scaurus und Marcus Licinius Crassus durchzusetzen, dass allen italischen Bundesgenossen der Römer das Bürgerrecht Roms erteilt werde und dass der bislang dem römischen Hochadel vorbehaltene Sitz im Senat im Rahmen einer Erweiterung desselben auch an Angehörige der Equester Ordo, des Ritterstands also, vergeben werden könne. Bis dahin waren die Forderungen des Volkstribuns schon fast revolutionär, weil sie wie gesagt an den Privilegien einiger weniger zu rütteln schienen. Doch der damals knapp über 30-Jährige hatte noch ganz andere Pläne, und die hatten schon etwas spezifisch Kommunistisches: Er sorgte dafür, dass die Getreidepreise gesenkt wurden und stieß eine Landreform in den Kolonien an. Das ging nun einigen Römern doch entschieden zu weit, vor allem jenen, denen er damit an den Geldbeutel ging. Entschlossen schritt man zur Tat und meuchelte den Standesverräter.

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