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Die Macht der Gene

20.02.2020 05:30, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

(aw) Immer die bucklige Verwandtschaft. Auf die noch lebenden Teile der Familie schaut so mancher mit Argwohn. Viele jedoch interessieren sich für die Ahnen. Klar, die können einem die schönste Party nicht mehr verderben – und auch nicht in die Geschäfte des Lebens reinreden. Manchmal bringt der Blick auf den Stammbaum auch gar Erstaunliches zu Tage. Und manchmal kann man sich über die Macht der Gene nur wundern. Schade, dass man immer nicht weiß, welche positiven Folgen die Aufzucht der eigenen Brut in ein paar Generationen oder Jahrhunderten haben wird.

Regina Burckhardt-Bardili, geboren am 5. November 1599 in Tübingen, hätte an ihren Nachfolgenden sicher helle Freude. Immerhin sorgten einige ihrer Nachkommen dafür, dass ihr vom Genealogen Hanns Wolfgang Rath der Ehrenname „schwäbische Geistesmutter“ verliehen wurde. Einer davon: Friedrich Hölderlin. Er war über seine Mutter mit Bardili verwandt. Aber nicht nur er. Illustre Geistesgrößen wie die Schwabendichter Ludwig Uhland, Wilhelm Hauff oder Justinus Kerner und die Philosophen Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Georg Wilhelm Friedrich Hegel gehören ebenso zu ihrem familiären Line-up. Vielleicht aber, ohne dem intellektuellen Matriarchat wirklich zu nahe treten zu wollen, lag es auch ein bisschen am Mann. Regina, Tochter des Rhetorikprofessors Georg Burckhardt, heiratete nämlich trotz eines verstorbenen unehelichen Kindes, dessen Vater ein Student gewesen war, den angehenden Pfarrer Carl Bardili. Der hatte nämlich am Tübinger Stift Theologie studiert, wie ein paar Generationen später auch Friedrich Hölderlin. Hölderlin wiederum wollte nicht Theologe werden, sondern lieber Dichter. Und Bardili durfte nach dieser skandalösen Vermählung nicht mehr Theologe sein. Stattdessen wurde er kurzerhand Mediziner und brachte es bis zum Posten des Leibarztes des württembergischen Herzogs Eberhard III. Er war medizinischer Lehrstuhlinhaber in Tübingen und zweimal sogar Rektor der Universität, ehe seine medizinischen Künste ihn 1647 nicht vor dem Tod durch eine Infektionskrankheit bewahren konnten. An seine geistesmütterliche Frau, die ihn um 22 Jahre überlebte, erinnert heute eine Plakette in der Tübinger Haaggasse 19. Die beiden hatten elf Kinder, die teilweise nicht nur selbst intellektuelle Erfolge feierten, sondern irgendwie das schwäbische Geistesleben auch auf erbliche Art und Weise anregten.

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