Nürtingen

Den Sitz verweigert

07.08.2009, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

(heb) Man glaubt es kaum, doch es gab sie wirklich, die „Sozialistische Partei Amerikas“ (SPA). Sie war 1901 als ein Zusammenschluss der Sozialdemokratischen Partei von Eugene Victor Debs, die drei Jahre vorher von Veteranen eines Eisenbahner-Streiks gegründet worden war, und einem Flügel der älteren Sozialistischen Arbeiterpartei Amerikas aus der Taufe gehoben worden. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges war die Sozialistische Partei aus eigener Sicht die erfolgreichste Drittpartei des 20. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten, mit Tausenden von örtlich gewählten Amtsträgern. Es gab zwei Sozialisten, Meyer London aus New York und Victor Berger aus Wisconsin, die Mitglied des Kongresses waren, sowie über 70 Bürgermeister und viele Abgeordnete der Parlamente der Bundesstaaten und Stadtratsmitglieder. Einzelne ihrer Organisationen waren im Mittleren Westen, besonders in Oklahoma und Wisconsin, am erfolgreichsten. Einer der Gründer, Viktor L. Berger, stammte aus dem damaligen Österreich-Ungarn und war 1878, gerade 19-jährig, mit seinen Eltern ausgewandert. Berger war in Wisconsin Herausgeber mehrerer Zeitungen und vertrat seine sozialistischen Überzeugungen während zweier Wahlperioden im Kongress. Weil er sich in der Öffentlichkeit abfällig über den Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg geäußert hatte, wurde er wegen Insubordination und mangelnder Loyalität zu 20 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Das Urteil wurde zwar in der zweiten Instanz kassiert, doch als er 1918 von den Wählern in Wisconsin in das Repräsentantenhaus gewählt wurde, verweigerte man ihm dort seinen Sitz mit der Begründung, ein Verurteilter und Kriegsgegner könne kein Mitglied des Kongresses sein. Sechs Jahre später wurde er dennoch wieder Mitglied des Kongresses. Am 7. August 1929 starb Viktor L. Berger in Milwaukee an den Folgen eines Verkehrsunfalles.

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