Nürtingen

Das Zeichen

04.08.2009, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

(heb) Als am frühen Morgen des 25. April 1974 im Radio das Lied von „Grandola“ erklingt, ist es das vereinbarte Zeichen für die eingeweihten Militärs, Beamten und Intellektuellen, sich an ihre Plätze zu begeben und die Revolution in Gang zu setzen, das faschistische Regime hinwegzufegen. Nein, natürlich nicht in Deutschland! Wie sollte denn das auch gehen. Aber diese Szenerie ist nicht nur ein schöner Traum, sondern sie hat genau so stattgefunden: Vor etwas mehr als einem Vierteljahrhundert fand in Lissabon und den anderen großen Städten Portugals die sogenannte „Nelkenrevolution“ statt, die den Anfang vom Ende der von Diktaturen mit geprägten Nachkriegsordnung in Europa markierte. Den Namen hat sie von den roten Nelken, die von der jubelnden Bevölkerung in die Gewehrläufe der vorbeimarschierenden aufständischen Truppen gesteckt wurden. Unter den Demonstranten befand sich auch ein gewisser José Afonso, genannt Zeca, ein Lehrer und Liedermacher, der der Revolution in Portugal mit seiner Komposition nicht nur das Startzeichen, sondern ihre Hymne geschenkt hatte. „Grandola vila morena, terra da fraternidade . . .“, „Land der Brüderlichkeit“ nannte Afonso das Gebiet um die Stadt Grandola, in der, heißt es im Text weiter, das Volk sich selbst regiert. Kein Wunder, dass dieser Song in Portugal nicht gespielt werden durfte. Dabei ist das Lied wunderschön und hätte das Zeug zur Nationalhymne eines Volkes gehabt, das sich (hallo, Deutschland) selbst von der Knute der Faschisten befreit hat. Doch das wusste das Bürgertum des kleinen Landes auf der Iberischen Halbinsel zu verhindern. Allerdings hindert das die portugiesischen Arbeiter, Fischer und Bauern nicht, aufzustehen und mitzusingen, wenn es gespielt wird. Es bleibt die Hymne ihrer Revolution und ihr Schöpfer José Afonso wäre am gestrigen Sonntag 80 Jahre alt geworden, hätte nicht vor 22 Jahren eine heimtückische Nervenkrankheit seinem Leben ein frühes Ende bereitet.

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