Nürtingen

2008

31.12.2008, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Das Jahr 2008 geht allmählich seinem Ende zu, sodass uns in der (vorerst) letzten Folge eines historischen Zyklus, in dem wir in 50-Jahres-Schritten versucht haben, das nachgeburtliche Menschheitstrauma aus regionalen Blickwinkeln noch einmal nachzuvollziehen, gestattet sei, einen Rückblick auf des Geschehen der mittlerweile vergangenen 364 Tage dieses ereignisreichen Jahres zu wagen. Immerhin hat es den Vereinigten Staaten von Amerika den ersten Präsidenten mit einer afroamerikanischen Abstammung gebracht, den Europäern (wenigstens den irischen) ein neues Staatsbürgerbewusstsein und den Nürtingern einen spektakulären Absturz. Barack Obama ist trotz seiner dunkleren Hautfarbe zum angeblich mächtigsten Mann der Welt gewählt worden, die Iren haben eine marktradikal und militaristisch geprägte Ersatzverfassung für die EU per Volksabstimmung zu Fall gebracht und Stefan Schumacher ließ Dopingvorwürfe, die seine beiden Etappensiege bei der Tour de France überschatteten, bis vor wenigen Tagen unkommentiert. Doch waren es nicht zwei positive A-Proben, die Nürtingen in zwei Lager spalteten, sondern die Drohung des Oberbürgermeisters, Nürti seine liebsten Jagdgründe wegzunehmen und mit einem dem heiligen St. Marktus gewidmeten Betontempel zu bebauen. Ein Glück, dass sich dieser Säulenheilige des Kapitalismus rechtzeitig als mehr oder weniger scheinheilig entpuppt hat und sein Metzinger Hohepriester eilig den Rückzug einleitete. Deren Scheinheiligkeit wird schon durch den täglichen Kurszettel in der Zeitung offenbar: Wenn eine mit 11 Euro 40 bewertete Aktie eine Dividende von 6,46 Euro abwirft, so ist der Ausdruck „bizarr“ schon eher euphemistisch für ein solch krasses Missverhältnis. Nürti ist das wurscht. Mit Speer und Messer zieht er in mondhellen Nächten in den „Großen Forst“ und macht dem Jagdpächter gespenstisch Konkurrenz. heb

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