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Nürtinger HfWU-Studierende stellen in der Sammlung Prinzhorn aus

20.09.2022 05:30, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Ausstellung: Studierende des Studiengangs Kunsttherapie an der Nürtinger HfWU haben sich künstlerisch mit dem Werk von Else Blankenhorn auseinandergesetzt. Die Ergebnisse ihrer Arbeit sind nun in einer Retrospektive in der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg zu sehen.

Kaiser Wilhelm taucht immer wieder im Schaffen von Blankenhorn auf. Lia Rothe greift die Figur als Handpuppe mit ihrer Kaiserfigur auf (großes Bild). Poesie und Natur wiederum gehen im Leben von Else Blankenhorn eine Verbindung ein – und auch im „Weltenwechsel“ von Leonie Mysliwetz (kleines Bild).  Fotos: Sebastian Weimann
Kaiser Wilhelm taucht immer wieder im Schaffen von Blankenhorn auf. Lia Rothe greift die Figur als Handpuppe mit ihrer Kaiserfigur auf (großes Bild). Poesie und Natur wiederum gehen im Leben von Else Blankenhorn eine Verbindung ein – und auch im „Weltenwechsel“ von Leonie Mysliwetz (kleines Bild). Fotos: Sebastian Weimann

NÜRTINGEN/HEIDELBERG. Bilder einer Geisteskranken waren es zu ihrer Zeit. Der Seelenwelt von Else Blankenhorn haben Studierende der Kunsttherapie an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) nachgespürt. Die erste große Einzelausstellung des Werks von Blankenhorn wurde jetzt in Heidelberg eröffnet. Im Rahmen der Retrospektive zeigen die Studierenden ihre Arbeiten, die in der Auseinandersetzung mit der vielfältig schaffenden Künstlerin entstanden sind.

Die farbenstarken visionären Bilder von Else Blankenhorn (1873-1920) entwickeln einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. „Das Gedankenleben ist doch wirklich“, vermerkte sie in ihrem poetischen Nachlass.

Nach dem Verlust ihrer Singstimme gerät die junge Frau in eine tiefe psychische Krise. Viele Jahre bis zu ihrem frühen Tod verbringt die Tochter aus einer großbürgerlichen Familie in einem Sanatorium. Dort entstehen Gemälde, Zeichnungen, Bildteppiche, Übersetzungen und musikalische Kompositionen.

„Im Werk von Else Blankenhorn öffnet sich eine magische Welt“, sagt Leonie Mysliwetz, „in ihrer filigranen Person verbindet sich Poesie und Natur.“ Diesen Aspekt versucht die Kunsttherapie-Studentin in ihrem eigenen Kunstwerk, das im Rahmen der Retrospektive zu sehen ist, auszudrücken.

Das Objekt „Weltenwechsel“ ist auf der einen Seite ein Teppich von filigranen Espenblättern, auf der anderen ein blauer Seidenstoff, bedruckt mit Fragmenten aus Blankenhorns Texten. Scheitern und sich doch immer wieder neu und vorsichtig aufmachen, über die Natur eine Annäherung an das eigene Seelenleben finden. Diese Impulse aus dem Werk von Blankenhorn greift „Weltenwechsel“ auf.

In der Kaiserfigur von Lia Rothe sind es ganz andere. „Die Handpuppe steht symbolisch für die tiefe Sehnsucht Else Blankenhorns nach Kontakt und Dialog“, beschreibt die Studentin ihr Werk aus Pappmaschee und Stoff. Die Figur von Wilhelm II. taucht immer wieder in Blankenhorns Werk auf. Im Geiste sah sie sich dem Kaiser als Gattin verbunden. „Die Puppe steht für dieses innere Dilemma zwischen dem großen Wunsch nach Verbundenheit und Schutz auf der einen und dem absoluten Bedürfnis nach sicherer Distanz auf der anderen Seite“, so Rothe. Die Handpuppe ermögliche fiktiv eine Regulation zwischen beidem.

Studierende des Bachelor-Studiengangs Kunsttherapie an der HfWU in Nürtingen hatten sich sechs Monate lang unter Leitung von Professor Dr. Tobias Loemke mit Else Blankenhorn und ihrem Werk auseinandergesetzt. Acht der plastischen und filmischen Resonanzwerke werden in der Ausstellung gezeigt. „Weltenwechsel“ und die Kaiser-Figur zeigen, worum es dabei geht. „Einen eigenen engen Kontakt in die künstlerische Praxis zu finden, das tiefere Bewegtsein zu entdecken und spüren zu können, was in jedem Kunstwerk steckt, das ist die wichtigste Voraussetzung für das kunsttherapeutische Arbeiten“, brachte es Tobias Loemke im Rahmen der Ausstellungseröffnung in der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg auf den Punkt.

Else Blankenhorn glaubte, von Kaiser Wilhelm die karitative Aufgabe erhalten zu haben, die Auferstehung begrabener Liebespaare zu finanzieren. So schuf sie mehr als hundert „Geldscheine“. Ihr Scheitern, ihre Zerrissenheit, ihre Sehnsucht nach Verbindung und Liebe, all das lebt ein wenig in den Arbeiten der Studierenden wieder auf.

Die Sonderausstellung „Das Gedankenleben ist doch wirklich – Else Blankenhorn, eine Retrospektive“ ist bis 22. Januar 2023 in der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg zu sehen. hfwu

Weitere Informationen zu den studentischen Arbeiten und die Videos sind im Netz unter prinzhorn.ukl-hd.de/ zu finden.

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