Weihnachtsgrüße

Vorweihnachts-Frühling in Sardinien

24.12.2015, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Benjamin Rüdt fühlt sich auf der Insel im Mittelmeer wie im siebten Himmel

Für mich ist ein Traum wahr geworden: Schon immer wollte ich im Ausland arbeiten, und in diesem Jahr habe ich es geschafft! Diese Zeilen schreibe ich aus Sardinien, der für mich schönsten Insel im Mittelmeer.

Wir haben heute laue 22 Grad und herrliche Sonne. Mir reicht ein T-Shirt bei der Arbeit. In Nürtingen, verrät mir mein iPhone, regnet es bei nasskalten sechs Grad. Da fühle ich mich wie im siebten Himmel! Was hat mich hierher verschlagen? Ferienhäuser von Sardafit, Urlaubsquartiere, die auch Nürtinger Familien schon gemietet hatten. Meine Aufgabe ist es, die Häuser in der Winterpause fit für die kommende Saison zu machen und Fotos für die Website zu schießen.

Aber davon will ich hier nicht weiter berichten. Ich will den Lesern der Nürtinger Zeitung einen Einblick in das vorweihnachtliche Sardinien geben. Wir sind in Europa. Zwar etwas abgelegen, nur rund 100 Kilometer weg von Afrika, aber immerhin: Weihnachtsbeleuchtung, wie ich sie aus der Heimat kenne, ist hier allgegenwärtig. Wenn ich also morgens als stilsicherer Neu-Italiener an der Bar meinen Cappuccino schlürfe und dazu ein süßes Hörnchen esse, erklingen dazu Weihnachtslieder. Babbo Natale und seine Rentiere flimmern allerorten über die Bildschirme, und dazu trällern Kinderstimmen amerikanisierend „Jingle Bells“. Mir fehlt dabei die deutsche Besinnlichkeit, der leise rieselnde Schnee, der Punsch auf Weihnachtsmärkten – für einen Moment überkommt mich Melancholie. Aber dann holt mich die Wirklichkeit ein: Ist die Besinnlichkeit nicht eher mein Wunschbild? Eine Erinnerung an vergangene Zeiten? Wo gibt es bei uns noch die feierliche Vorweihnachtsruhe? Was ist mit dem „leise rieselnden Schnee“? Ist all das nicht das Opfer eines Klimawandels geworden, der von außen kommend in unsere Herzen gedrungen ist? Ich beende meine italienische „Colazione“.

Heute wartet keine Arbeit auf mich. Ich bin bei meinem Freund Pino zum Weihnachtsbacken eingeladen. Da sitzen wir nun um den Küchentisch herum und helfen der Mama, sardische Weihnachtskekse zu produzieren. Da geht es keineswegs besinnlich, sondern laut und lustig zu. Aber mir ist das recht. Es ist schön, in Sardinien unter Sarden zu sein.

 

Benjamin Rüdt

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