Weihnachtsgrüße

Zur Weihnachtsziege gab’s schwäbischen Kartoffelsalat

24.12.2015, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Helga Landsmann erlebte in Zimbabwe vier Weihnachten in einer einheimischen Großfamilie

Ich lebe seit 1991 in Zimbabwe und leite als Schreinerin das „Ekuthuleni Carpentry Project“, das 1999 eines der Projekte bei „Licht der Hoffnung“ war.

Die Afrikaner in Zimbabwe sind ein sehr lebensfrohes und gastfreundliches Volk. Wenn man eine Familie auf dem Land besucht, ist man der Ehrengast. Man bekommt den – oft – einzigen Stuhl im besten Schatten eines Baumes im Hof zugewiesen, während die ganze Familie geschäftig Vorbereitungen für ein leckeres Gastessen trifft. Ein Huhn wird zubereitet, die Nachbarn verständigt, dann wird man bewirtet und den Freunden und der Familie vorgestellt.

Eine noch größere Ehre allerdings ist es, wenn man von einer afrikanischen Familie als Tochter adoptiert wird, sich frei überall bewegen und bei allen Arbeiten und Angelegenheiten dabei sein und mithelfen darf. Meine ersten vier Jahre in Zimbabwe verbrachte ich in einer Großfamilie.

Zu den Feiertagen wie Ostern und Weihnachten kommen alle neun Geschwister mit ihren Familien auf dem Familiensitz auf dem Land rund 90 Kilometer außerhalb Bulawayos zusammen. Cousinen und Cousins werden ebenfalls noch als Geschwister gerechnet, und so kommen leicht 40 bis 50 Personen zusammen.

Eines Tages war ich mit den jungen Männern Feuerholz holen, als ein Nachbar vorbeikam, der fragte, wer ich bin. Der Bruder stellte mich als die „last born sister“, die jüngste Schwester, der Familie vor. Der Nachbar war etwas erstaunt und stellte fest, dass ich doch eine andere Hautfarbe hätte. Daraufhin erklärte der Bruder gelassen, dass die jüngeren Geschwister seiner Familie zum Schluss hin alle heller und heller geworden seien. Somit war meine Adoption in der Umgebung offiziell. Sie wurde dann mit viel Gelächter am abendlichen Küchenfeuer vom Rest der Familie bestätigt. Seitdem habe ich viele erlebnisreiche Ferien auf dem Land verbracht, kann auf dem Feuer kochen, gehe mit den Frauen zur Wasserpumpe und versuche einen 20-Liter-Eimer Wasser auf dem Kopf nach Hause zu tragen, habe mit dem Ochsengespann Schlangenlinien ins Maisfeld gepflügt und war bei Hochzeiten und Beerdigungen dabei.

Wenn ich „nach Hause“ komme, schlafe ich meist in der himmelblauen, mit Gras gedeckten Hütte. Man wacht früh mit den Hühnern und den alltäglichen Morgengeräuschen auf. An einem meiner ersten 24.-Dezember-Morgen auf dem Land hörte ich beim Ziegenpferch eine laute Diskussion. Dann rief es: „Sister Helga come and help us to select the christmas goat“ („Schwes- ter Helga, komm und hilf uns, die Weih- nachtsziege auszusuchen“). Aus einer Herde mit rund 30 Tieren morgens vor 6 Uhr eine männliche Ziege auszuwählen, die nicht zu alt ist und gut im Futter steht, ist eine nicht ganz einfache Aufgabe und war für mich eine sehr neue Erfahrung.

Die Brüder hatten allerdings schon ein stattliches Tier im Visier. Die Ziege wurde gekonnt mit einem Seil an den Hörnern gefangen und in den Schatten einiger Bäume hinter dem Haus geführt. Dort war schon alles bereit. Seile, Eimer mit Wasser, Schüsseln und Messer, die nun an einem Stein geschärft wurden. Das Schlachten und Zerteilen der Ziege wurde von drei Männern mit Erfahrung und Präzisi- on ausge- führt.

Um 8 Uhr, als alle Teile ver- arbeitet, das Fell eingesal- zen und an einer flachen Stelle mit dem Fell nach unten mit kleinen Pflöcken an allen Enden aufgespannt war, gab es zum Frühstück die frisch mit Tomaten und Zwiebeln zubereitete Leber – eine leckere Delikatesse. Den ganzen Tag kochen nun die Frauen. Es wird, gebraten und gebacken, um alles für das Weihnachtsfestmahl für den folgenden Tag vorzubereiten. Das Ziegenfleisch wird auf dreierlei Arten zubereitet: Als Stew, eine Art Gulasch, als Steaks direkt auf dem Feuer gebraten oder in Öl langsam ausgebacken.

Neben der Ziege wurden noch zwei Truthähne und mehrere Hühner geschlachtet. Als Beilagen gibt es zur Auswahl Sadza, ein fester Maisbrei, Samp, grob zerstampfte und weich gekochte Maiskörner, oder Reis, dazu mehrere Salate, wie Kohlsalat, Karottensalat mit Mayonnaise, Saure-Rote-Beete- und Kartoffelsalat, auch mit Mayonnaise. Im Jahr darauf machte ich einen echten schwäbischen Kartoffelsalat, der war ein echter Hit.

Der 25. Dezember wird offiziell als Weihnachten gefeiert. Man geht in die Kirche, Dekorationen und Geschenke sind unbekannt, der Tage wird mit Familie, Freunden und Besuchern verbracht. Alle suchen sich ein schattiges Plätzchen und es wird viel erzählt, gelacht und gegessen, zwischendurch eine kleine Siesta gehalten. Das Essen ist reichlich, die Ziege war eine gute Wahl und alle Speisen werden viel gelobt. Erst in den Abendstunden machen sich die Freunde und die Verwandtschaft von außerhalb auf den Heimweg, erzählen sich unterwegs die Begebenheiten und Geschichten des Tages und freuen sich sicher schon auf die nächste Weihnachtsziege.

 

Frohe Weihnachten! Helga Landsmann

Weihnachtsgrüße aus aller Welt