Paulas Nachrichten

Paula möchte auch ein Denkmal für sich

14.10.2017, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Hallo, liebe Kinder,

in dieser Woche hat ja sogar manchmal die Sonne gescheint. Deshalb wollte ich wieder einmal bei meinen Entenkumpels am Neckar vorbeigucken. Besonders gerne gehe ich da runter zur Steinachmündung. Ich bin ganz lustig da runter gewatschelt. Ich habe ein lustiges Liedchen gepfiffen. Das singen die Kinder oft. „Paula Print die Ente“. Lalalala. Die Melodie gibt es schon. Früher hieß das Lied „Alle meine Entchen“.

Plötzlich ist mir mein Pfeifen im Entenschnabel steckengeblieben. Es kam nur noch ein kraftloses „Zschhhhh“ aus meinem Schnabel. Da stand nämlich ein komischer Typ da am Neckar. Zuerst wollte ich ihn anschnattern. Ich spreche die Leute einfach immer an. Aber der hat sich gar nicht bewegt. Der war aus Blech.

Ich habe mich mal langsam angenähert. Der sah eigentlich ganz nett aus. Ein junger Kerl. Er war halt ganz braun. Und er hatte komische Klamotten an. Die sahen ein bisschen alt aus. Mit so einem großen Kragen. Und ganz besonderen Knöpfen. In der einen Hand hatte er ein Papier. „Das könnte eine Zeitung sein“, habe ich mir gedacht. Der Typ hat ganz nett gelächelt. So ein bisschen zumindest. Aber ganz getraut habe ich dem Frieden nicht.

Also bin ich einfach mal nicht weiter zu den Entenkumpels gewatschelt. Wisst ihr, wo ich hingewatschelt bin, liebe Kinder? Genau! Ich bin zum Andreas gewatschelt. Ich habe ihn begrüßt. Und dann habe ich gleich losgeschnattert: „He, ich wollte zu den Enten runter an den Neckar! Weißt du, was ich da gesehen habe?“

Der Andreas hat mich ganz gelangweilt angeguckt und gemeint: „Klar, den Fritz!“

„Den Fritz?“, habe ich losgeschnattert, „der heißt einfach Fritz? Und was macht der da? Der rührt sich gar nicht! Der ist ja nicht echt. Der ist aus Blech.“

„Der steht da und schaut auf seine Heimatstadt. Der ist nämlich hier aufgewachsen. Und er hat hier auch gearbeitet. Na ja, du hast schon recht. Man müsste eher sagen: Sein Denkmal guckt auf die Stadt. Aber das ist auch nicht aus Blech. Das ist aus Bronze. Das ist viel wertvoller.“

„Was“, habe ich geantwortet, „der bebekommt hier ein Denkmal? Warum das denn? Nur weil er hier gelebt hat und gearbeitet hat? Dann würde es ja viele Denkmäler geben! Für jeden Nürtinger! Stell’ dir das mal vor! Wenn die da alle stehen würden! Alle am Neckar entlang! Also . . . “

Der Andreas hat mich unterbrochen. Er hat gesagt: „Ist ja schon gut. Jetzt rege dich doch nicht gleich auf. Das ist ja auch kein normaler Nürtinger. Das ist ein . . .“

„Ah, ich weiß“, habe ich jetzt den Andreas unterbrochen, „das ist ein ganz bekannter Reporter von früher! Deshalb hat er ja auch so eine kleine Zeitung in der Hand!“

Der Andreas musste lachen. Er hat gesagt: „Nein, nein, Paula. Er ist kein Reporter. Der hat auch keine Zeitung in der Hand. Aber ein Stück Papier hat er in der Hand. Das ist nämlich der Friedrich Hölderlin. Das Papier in seiner Hand zeigt an: Der war ein Dichter. Den kennt man in der ganzen Welt. Er hat vor ungefähr 200 Jahren gelebt.“

Das habe ich jetzt wieder nicht verstanden. Ich habe geschnattert: „Vor 200 Jahren? Aber das Denkmal steht ganz neu da. Wenn das schon seit 200 Jahren oder so da stehen würde, hätte ich das schon einmal gesehen. Ich kenne mich doch hier aus als Zeitungsente!“

„Klar“, hat der Andreas gesagt, „du hast recht. Der steht noch nicht einmal seit einer Woche da. Manchmal brauchen die Menschen eben ein bisschen länger für etwas. Hier in Nürtingen wissen nicht alle viel vom Hölderlin. Manche sagen auch: Seine Gedichte kann man gar nicht verstehen. Aber das ist normal. Man kann einfach mal lesen und hören, wie schön die sind. Und so ein Gedicht verdichtet halt Gefühle und Gedanken. Es fasst sie in wenige Worte zusammen. Da muss man sich schon anstrengen und nachdenken.“

„Ach, deshalb heißt der dann Dichter“, habe ich gemeint.

„Genau“, hat der Andreas gesagt, „aber das Wort kommt eigentlich vom Römerwort ,dictare‘. Das heißt eigentlich einfach diktieren oder abfassen. Also eigentlich heißt es: Texte machen.“

„Aber Texte machen doch Reporter und Zeitungsenten auch. Und die nennt man nicht Dichter. Und die bekommen auch keine Denkmäler“, habe ich gemeint.

„Da hast du recht, Paula“, hat der Andreas gesagt, „deshalb kommt ja auch die andere Bedeutung dazu. Dichter schreiben künstlerische Texte. In denen fassen sie Gefühle und Gedanken in schöne Worte zusammen. Komm’, wir lesen mal ein Gedicht von Hölderlin.“

Das haben wir dann auch gemacht, liebe Kinder. Das hat sehr schön geklungen. Ich werde es noch ein paar Mal lesen. Vielleicht schreibe ich auch mal ein Gedicht. Aber ob ich dann ein Denkmal bekomme? Eure Paula

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