Paulas Nachrichten

Paula hat keine Freude am Eis-Schaden

23.07.2016, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Hallo, liebe Kinder,

in dieser Woche bin ich mal in die Redaktion gekommen. Zuerst habe ich den Andreas sitzen sehen. Er hat etwas geschrieben. Ich wollte auch gleich zu ihm gehen. Aber in dem Moment kam ein Kollege von ihm vorbei. Es ist ein netter Kollege. Er hat gesagt: „Hallo, Paula, schön dich zu sehen! Das ist ja sehr heiß heute. Und du bist trotzdem in die Redaktion gewatschelt. Das finde ich toll! Weißt du was? Ich komme gerade aus der Stadt. Und ich habe ein Eis mitgebracht. Willst du die Hälfte haben?“

Ich habe natürlich gestrahlt wie die Sommersonne. Denn Eis mag ich seeeehr gerne. Ich habe das Eis geschleckt. Dabei habe ich mich noch kurz mit dem netten Kollegen unterhalten. Dann bin ich doch mal zum Andreas gewatschelt. Ich habe natürlich den Rest von meinem Eis dabeigehabt. Und ich habe gerade meinen Entenschnabel aufgerissen. „Hallo, Andreas . . .“ wollte ich sagen. Aber mehr wie „Ha . . .“ habe ich nicht herausbekommen. Denn dann ist mein schönes Eis auf den Boden gefallen. Platsch!

Der Andreas hat kurz von seinem Computerbildschirm zu mir rübergeguckt. Dann hat er gesagt: „Ei, ei, ei, liebe Paula! Das hätte jetzt auch runterfallen können!“

Irgendwie hat er komisch geguckt. Als würde er ein kleines bisschen lächeln. Dann hat er ein Liedchen vor sich hin gepfiffen und weitergeschrieben.

Ich habe mit meinen großen, runden Entenäuglein traurig auf mein armes Eis auf dem Boden geguckt. Und dann habe ich zum Andreas rübergeguckt. Und wieder zurück zum Eis. Und wieder zum Andreas. Zuerst war ich traurig. Aber dann bin ich immer wütender geworden. Mein Eis hat angefangen auf dem Boden zu schmelzen. Aber das war gar nicht mehr so schlimm. Der pfeifende Andreas war schlimmer. Viel schlimmer!

Deshalb habe ich dann auch losgeschnattert: „He, das kann ja wohl nicht wahr sein! Mein Eis kracht auf den Boden! Und du pfeifst ein lustiges Liedchen? Und was soll das heißen: Es hätte runterfallen können? Es ist doch runtergefallen. Das siehst du doch!“

Jetzt hat der Andreas aufgehört zu pfeifen. Und er hat auch aufgehört zu schreiben. „Aber Paula! Jetzt reg dich doch nicht gleich so auf! Du wirst doch noch ein bisschen Schadenfreude aushalten können!“

„Was? Schadenfreude? Was soll denn das sein? Was hat denn Schaden mit Freude zu tun? Das geht doch gar nicht! Bei einem Schaden ist man doch traurig. Oder man regt sich ganz arg auf! Aber man hat doch keine Freude daran!“

„Na ja“, hat der Andreas gesagt, „das kommt ganz darauf an. Also auf den Schaden kommt es an. Äh, wer den Schaden hat. Jetzt hast ja du den Schaden gehabt. Und nicht ich! Tja, äh, da kann man dann Schadenfreude haben.“

Ich habe gleich weitergeschnattert: „Was? Du freust dich über meinen Schaden! Aber du magst mich doch, oder?“

„Natürlich mag ich dich, Paula!“, hat der Andreas geantwortet. Er hat mich ganz lieb in den Arm genommen. „Deshalb tust du mir jetzt auch leid. Schade, dass dein Eis runtergefallen ist!“

„Ah, und gerade habe ich dir nicht leidgetan?“, wollte ich wissen.

Der Andreas hat weitergesprochen: „Na ja, das ist so mit der Schadenfreude: Eigentlich kann jeder Schadenfreude haben. Da muss man gar nicht richtig böse sein. Das ist eigentlich ganz normal. Das hat etwas mit Gerechtigkeit zu tun. Und mit Neid!“

Das habe ich gar nicht verstanden. Ich habe dazwischengeschnattert: „Aber was soll denn daran gerecht sein? Mein schönes Eis liegt auf dem Boden! Und schmilzt! Und ich kann es nicht essen!“

„Ja, ist ja gut, liebe arme Paula! Jetzt jammer mal nicht dauernd rum. Sonst kann ich gar kein Mitleid mehr haben. Ich wollte dir das mit der Schadenfreude erklären. Also: Was soll daran gerecht sein? Pass auf, du bist in die Redaktion gewatschelt gekommen. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Aber du bist gar nicht gleich zu mir gekommen. Du hast lieber mit meinem Kollegen gelabert. Da war ich schon einmal neidisch. Und dann hast du auch noch ein Eis bekommen. Und du hast es geschlabbert. Und ich habe keines gehabt. Da war ich schon wieder neidisch! Dann ist dir das Eis runtergeplatscht. Da war ich dann nicht mehr neidisch. Denn ich fand das jetzt wieder gerecht. Deshalb habe ich ein bisschen Schadenfreude gefühlt. Obwohl ich dich mag. Normalerweise ist das einfacher, wenn man den anderen nicht so mag.“

„Äh, ach so“, habe ich gestottert. „Jetzt verstehe ich das ein bisschen. Na ja, ich bin ja dann doch zu dir gekommen. Äh, und wir können uns ja in der Mittagspause ein neues Eis holen. Für jeden eines. Und dann schlabbern wir das. Und dabei labern wir.“

„So machen wir es“, hat der Andreas gesagt. „Aber erst putzen wir das alte Eis weg.“ Eure Paula

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