Leserbriefe

Letzte Chance

07.10.2008, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Bruno Bienzle, NT-Zizishausen. Seit Monaten lassen die Initiatoren des Bürgerbegehrens Großer Forst nichts unversucht, die Risiken einer Versiegelung von 15 Hektar besten Ackerlands zu verdeutlichen. Diese bestehen in einer doppelten Wasserproblematik: Entzug von Grundwasser sowie vermehrter Anfall von Oberflächenwasser, das größtenteils in den Neckar gelangen und die Hochwassergefahr erhöhen wird. Hinzu kommt der gewaltige Energiebedarf der weitgehend automatisierten Versandanlage von 12 Megawatt. Zum Vergleich: Ganz Nürtingen kommt mit 28 Megawatt aus. Die Stadtwerke haben gerade das Konzept einer Biogasanlage vorgestellt, in der auf klimaschonende Weise aus Speiseresten zwei Megawatt Energie erzeugt werden sollen. Für den Betrieb sind zwei Hektar Fläche erforderlich, wie in der Nürtinger Zeitung zu lesen war. Sechs solcher Anlagen, also zwölf Hektar Grund, wären demnach für den Energiebedarf des Boss-Lagers bereitzustellen, wollte man nicht an die Strombörse gehen, um sich entsprechende Kontingente an Strom aus Atomkraft oder Kohle zu sichern.

Die Befürworter um OB Heirich haben bisher den Eindruck vermittelt, die Folgen dieses Projekts auszublenden oder zu verharmlosen. Gebetsmühlenhaft wird auf den erhofften Zuwachs von Arbeitsplätzen und Gewerbesteuereinnahmen verwiesen. Doch ist das realistisch? Ein Blick auf die Entwicklung des Börsenkurses von Boss muss alarmieren. Als die Krake Permira im Juni 2007 nach dem einstigen Vorzeigeunternehmen gegriffen hat, lag der Kurs bei rund 50 Euro. Unter 18 Euro notiert die Vorzugsaktie derzeit. Für Permira bedeutet dies, dass der Wert dieses Besitzes um fast zwei Drittel geschrumpft ist. Da Spekulanten nicht die Heilsarmee sind, sondern auf schnelle Renditen zielen, ist dieser Absturz ein Desaster mit unabsehbaren Folgen. Die im April aus Boss herausgepresste Sonderausschüttung von 450 Millionen Euro lässt erahnen, wohin die Reise geht. Sich blindlings einem Investor auszuliefern, der sein Engagement bei Boss selbst auf drei bis sechs Jahre begrenzt hat, und etwa auf eine Rückbauverpflichtung zu verzichten (um nur eines der vielen Versäumnisse zu erwähnen), wäre schlicht verantwortungslos.

Noch kann der Gemeinderat ein geordnetes Verfahren ermöglichen und sich von dem von Boss vorgegebenen höllischen Zeitdruck befreien, indem er den Weg für den von 3200 Nürtingerinnen und Nürtingern geforderten Bürgerentscheid freigibt. Die buchstäblich letzte Chance dazu bietet sich am 7. Oktober, wenn in öffentlicher Sitzung über den Widerspruch gegen die Ablehnung des Bürgerbegehrens zu entscheiden ist. Man darf gespannt sein.

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